Handke-Nobelpreis: Zeremonie nach Protokoll und ohne Störung

Unspektakulär, streng nach Protokoll und ganz ohne störende Überraschungen - so ist am Dienstagnachmittag die feierliche Nobelpreiszeremonie im Stockholmer Konzerthaus verlaufen. Etwas verspätet, nämlich um 17.34 Uhr, erhielt der österreichische Schriftsteller Peter Handke Urkunde und Medaille aus den Händen des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf. Die APA war live dabei.

Als größtes Hindernis erwies sich für die 1.560 geladenen Gäste nicht der befürchtete Spießrutenlauf durch Gruppen von Manifestanten - wie es Handke 2014 vor dem Nationaltheater in Oslo bei der Verleihung des Ibsen-Preises erlebt hatte -, sondern die Witterung. Schneefall und Kälte hatte die Straßen glatt gemacht, für einige der vorschriftsgemäß mit Frack bzw. Abendkleid samt passenden Schuhen Angekleideten eine gefährliche Rutschpartie. Mancher noble Gast hatte die Lackschuhe vorsorglich in der Tasche mitgebracht - und brachte beim Schuhtausch ganz unnobel löchrige Socken zum Vorschein. Überhaupt der im Vorfeld vom Nobel-Komitee stets betonte Dresscode: Die „Frackpolizei“ war an diesem Galaabend entweder nicht präsent oder drückte bei so manchem Gast die Augen zu. Denn tatsächlich wurden - horribile dictu - auch vereinzelt Anzug- und Krawattenträger gesichtet...

Im schwedischen Königshaus wird dagegen von den weiblichen Mitgliedern noch ganz klassisch Diadem getragen, wie man an Königin Silvia, Kronprinzessin Victoria und den Prinzessinnen Sofia und Madeleine bewundern durfte. Mit der königlichen Familie zogen zu Fanfarenklängen zu Beginn der Zeremonie auch manche Akademie-Mitglieder ein und nahmen auf jenen freigebliebenen Sesseln auf der Bühne Platz, die zuvor bereits zu Spekulationen Anlass gegeben hatten: Lauter Mitglieder des diplomatischen Corps, die aus Protest gegen Handke der Zeremonie ferngeblieben waren? Mitnichten. Die Handke-Debatte verstummte während der rund 75-minütigen Veranstaltung. Und natürlich blieb auch der Wunsch der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ unerfüllt, die eine Schweigeminute für die Opfer des Genozids von Srebrenica an diesem Tag der Menschenrechte gefordert hatten.

Stattdessen: Alles nach Plan. Und der lautet, wie man bald lernt, folgendermaßen: Wenn der König aufsteht, stehen alle auf. Die Laureaten nehmen zuerst Urkunde und Medaillenbox entgegen, schütteln danach dem König die Hand und absolvieren gemessen drei Verbeugungen: die erste Richtung König, die zweite Richtung Akademie und die dritte Richtung Publikum. Die wenigen Schritte zu ihrem großen Moment in der Mitte der Bühne legen die Preisträger sehr unterschiedlich zurück - von leicht schwankend über zögernd bis zu zügig-forsch ist alles dabei, einer absolviert den Weg im Rollstuhl.

Bereits der erste Redner des Abends, der Präsident des Verwaltungsrates der Nobel-Stiftung, Carl-Henrik Heldin, erwähnt den Klimawandel und die überwältigende wissenschaftlichen Beweise, dass unsere Art zu leben das Klima negativ beeinflusse. „Wenn junge Leute aufstehen und fordern, dass wir alle der Wissenschaft zuhören und handeln, verdienen sie unsere Unterstützung“, sagt er auf Englisch. So explizit politisch wird in der weiteren Folge keine Rede mehr sein. Und Englisch wird auch nur noch wenig gesprochen. Die kurzen Reden zur Würdigung der Preisträger in Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Wirtschaftswissenschaften werden samt und sonders auf Schwedisch gehalten. Einzig für die kurzen Überleitungen, die Preisträger mögen sich bitte erheben, um ihre Auszeichnungen aus den Händen des Königs entgegenzunehmen, wechseln die Laudatoren auf Englisch, Polnisch (für Olga Tokarczuk) oder Deutsch (für Peter Handke).

Tokarczuk, die Literaturnobelpreisträgerin für das Jahr 2018, ist nur eine von drei Frauen (neben Wirtschaftsnobelpreisträgerin Esther Duflo und Medizin-Laudatorin Anna Wedell), die bei diesem steifen Zeremoniell auf der Bühne eine Rolle spielen - eine Frauenquote von bloß rund 15 Prozent. Dafür gibt es bei der Preisüberreichung an die polnische Autorin das einzige Mal einen Jauchzer aus dem Auditorium - und anschließend besonders warmen Applaus.

Nach ihr ist Anders Olsson, der Vorsitzende des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie, mit seiner Laudatio auf Handke dran. Er erinnert an Handkes legendären Auftritt vor der Gruppe 47 im Jahr 1966, als er die „Beschreibungsimpotenz“ der Kollegen geißelte, und geht kurz auf die Werke „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, „Die Wiederholung“, „Wunschloses Unglück“, „Langsame Heimkehr“ und „Die Obstdiebin“ ein. „Peter Handke hat gesagt, dass nur die Klassiker ihn gerettet und bewahrt haben. Aber er ist auch ein zutiefst zeitgenössischer Autor, der mit einem väterlichen Erbe konfrontiert wurde, das durch die NS-Besetzung Österreichs im Krieg pervertiert wurde. Er repräsentiert eine slowenische mütterliche Abstammung, die seinen antinationalistischen Mythos seiner Herkunft motiviert.“

Bei Letzterem hätten die „Mütter von Srebrenica“ wohl reagiert, wären sie bereits im Saal und nicht erst bei der anschließenden Protestkundgebung vertreten gewesen. So erfolgt die Übergabe der Insignien ohne Störung. Handke absolviert seine drei Verbeugungen kurz und bündig, und nach dem „Liebesgruß“ von Edward Elgar folgt nur noch die Überreichung des Wirtschaftsnobelpreises. Um 17.45 Uhr ist nach der schwedischen Nationalhymne die Veranstaltung mit dem Auszug der königlichen Familie auch schon wieder vorbei. Auf der Bühne beginnt ein Gratulationsreigen, den die Laureaten vor ihren Plätzen stehend absolvieren. Als Olsson bei Handke vorbeikommt, wird er von dem Autor herzlich umarmt.

Während die meisten Gäste mit Busshuttle oder Limousinen zum anschließende Nobel-Bankett ins Rathaus gefahren werden, eilt der APA-Reporter in Frack und Mantel weiter auf den unweit gelegenen Platz Norrmalmstorg, wo für 18 Uhr eine Anti-Handke-Demonstration angesagt ist. Zwischen 200 und 300 Menschen sind gekommen, um nach einer musikalischen Eröffnung den Organisatoren Teufika Sabanovic und Adnan Mahmutovic zuzuhören. Danach spricht eine Vertreterin der „Mütter von Srebrenica“. Handke habe den in Srebrenica begangenen Genozid geleugnet, die trauernden Mütter beleidigt und zu Milosevic und Karadzic aufgeschaut, heißt es in ihrer Rede. Einige Demonstranten halten dazu Schrifttafeln hoch: „No Prize to Genocide“ steht darauf. Auch an diesem kalten Stockholmer Abend bleiben die Fronten unversöhnt.


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