Volkskunstmuseum: Krippenzauber abseits des Weihnachtstrubels

Den Krippen im Volkskunstmuseum sollte man im Advent einen Besuch abstatten. Ihre Schönheit beeindruckt und entschleunigt zugleich.

Das Tiroler Volkskunstmuseum bietet die Gelegenheit, kontemplativ in die Welt der Krippen einzutauchen.
© Böhm

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck –Wer sich gerade im unerbittlichen Weihnachtstrubel nach ein wenig Kontemplation sehnt, der ist im Tiroler Volkskunstmuseum gut aufgehoben. Das frei zugängliche Foyer bietet die Gelegenheit, eine besondere Variante einer Tiroler Krippe zu betrachten, die 2003 für mächtigen Ärger sorgte. Der ehemalige Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums Hans Gschnitzer (1938–2013) erhielt von Freunden anlässlich seiner Pensionierung eine Krippe, die kein kitschig-romantisches Tirol-Bild zeigt, sondern, von Mitterer­s „Piefke-Sag­a“ inspiriert, die Geburt Christ­i in eine vom Tourismus ruinierte Landschaft setzt. Die Heilige Familie findet dürftigen Unterschlupf in einer Garage für Pistenraupen, der Stern von Bethlehem hängt verheddert in einer Stromleitung, und die Heiligen Drei Könige kommen auf einem Förderband daher. Das ironische Werk wurde als „Ketzerkrippe“ beschimpft und verschwand in der Versenkung, bis sie Albert Linser vom Krippenmuseum Bichlbach wiederentdeckte und dem Volkskunstmuseum als Leihgabe zur Verfügung stellte.

Wem der Anblick dieser augenzwinkernden Krippe nun doch zu unromantisch erscheint, der sollte die Gelegenheit nutzen und die Krippenausstellung im Erdgeschoß besuchen. Karl C. Berger, Leiter des Volkskunstmuseums, führte die TT durch die beeindruckende Schau, die schon durch das gedimmte Licht eine andächtige Stimmung erzeugt. Betritt man den ersten Raum, so fühlt es sich an, als wäre man in einem 3D-Krippenkino gelandet. „Die Besucher sollen sich selbst wie ein­e Krippenfigur fühlen“, sagt Berger schmunzelnd. Die Krippen werden in beleuchteten Vitrinen ausgestellt, Fußschemel ermöglichen sogar den kleinsten Besuchern, die historischen Kostbarkeiten zu bestaunen, um so das Warten auf das Christkind zu verkürzen.

An der imposanten Gasser-Thomsen-Krippe, in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gefertigt, kommt man nicht vorbei. Die zahlreichen prunkvoll gekleideten Figuren lassen an ein riesiges Wimmelbild denken oder an das Gewuse­l eines orientalischen Marktes. Die filigranen Gliederpüppchen (siehe Bild unten) mit kunstvollen Seidenroben, gewiss von geschickten, aber unbekannten Frauen­händen gefertigt, sind ein Augenschmaus auch für jene, die sich an historischer Mode im Miniaturformat erfreuen.

Ursprünglich wurden Krippen in Kirchen aufgestellt, doch die Figurenpracht der barocken Krippen kam in die Kritik, erklärt Berger und ergänzt: „Das Alltagsleben rückte mehr in den Mittelpunkt. Die Geburt Christi hingegen wurde fast zur Nebensache.“ Im Krippenführer des Museums kann man nachlesen, dass dieser Reichtum Herrschern wie Kaiser Joseph II. oder dem bayerischen König Maximilian I. ganz und gar nicht gefiel und sie deshalb die Krippen aus den Kirchen verbannten. „Dadurch konnte sich die Kripp­e aber zum Mittelpunkt der privaten Andacht entwickeln“, sagt Berger. Er erzählt, dass die Gasser-Thomsen-Krippe von einem Wirt in Heiligenkreuz bei Hall erworben und in dessen Gasthaus aufgestellt wurde. „Die ältesten Krippen in der Sammlung des Volkskunstmuseums gehen auf die Zeit des späten 18. Jahrhunderts zurück“, sagt Berger und verweist auf einen Star unter den Krippenbauern, nämlich Bildhauer Johann Giner aus Thaur. Für viele dieser herausragenden Künstler war der Krippenbau ein Nebenerwerb. Sie verdienten ihr Geld eigentlich mit großen Aufträgen, etwa der Gestaltung von Kirchenaltären. Auffällig ist, dass orientalische Krippen neben der alpin-bäuerlichen sehr beliebt waren. Doch warum sehen die Kamele oft aus wie Pferde? Berger weiß eine Antwort: „Man kannte Kamele nur von Illustrationen. Erst als ein Wanderzirkus nach Tirol kam, wurden sie naturalistischer.“

Die technische Entwicklung hat auch den Krippenbau nachhaltig beeinflusst. Claudius Molling etwa versetzt Jesu Geburt in die Innsbrucker Altstadt und taucht seine Krippe in dunkle Nacht, um mittels elektrischer Beleuchtung den Sternenhimmel und die Geburtsszene besonders hervorzuheben. Einfach wildromantisch!

Die Gschnitzer-Krippe im Volkskunstmuseum.
© Tiroler Volkskunstmuseum

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