Sonderausstellung Ferdinandeum: Labyrinth der Erinnerung

In einer spielerischen Sonderschau fühlt Kurator Roland Sila nicht nur dem nach, was vergessen werden darf oder erinnert werden muss.

  • Artikel
  • Diskussion
Inmitten von 9000 Archivschachteln: Maria Lassnigs „Selbstporträt mit Stelzfüßen“ (rechts), Hannes Eggers „Memory“ (links).
© Wolfgang Lackner

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –2014 führte der Europäische Gerichtshof das „Recht auf Vergessen“ ein. Seit diesem Zeitpunkt dürfen Personen von Suchmaschinen wie Google verlangen, Infos über sich zu löschen, um damit von der digitalen Welt vergessen zu werden. Für unseren Körper ist das Vergessen von Millionen täglich einströmender Sinneseindrücke geradezu überlebenswichtig. Dass Vergessen auch eine gesellschaftliche und kulturell­e Relevanz hat, will die neue Sonderausstellung im Innsbrucker Ferdinandeum bildstark, aber auch spielerisch vermitteln.

„Vergessen. Fragmente der Erinnerung“ von Kurator Roland Sila ist die erste Ausstellung, die unter der Leitung von Neo-Direktor Peter Assmann eröffnet wird. Eine äußerst umfangreiche Schau – in gleich mehreren Stationen fächert Sila das Thema auf. Der Besucher wird dabei durch ein Labyrinth aus 9000 Archivschachteln durch die Gedankenströme des Kurators beeinflusst. Eingebaute, gute Gegenwartskunst (darunter Christian Boltanski, Maria Lassnig, Brigitte Kowanz oder Peter Kogler) und dazu ausgewählte Textplakate ebenso renommierter Literaten (u. a. Joseph Zoderer, Paul Celan, Roberta Dapunt, Ilse Aichinger, Raoul Schrott) erweitern die Gänge um zusätzliche Assoziationsräume. Das Konzept ist zugänglich, die Gefahr, sich darin zu verlieren, ist – wie in einem Irrgarten – aber groß.

Dass es bei „Vergessen“ auch um Vergessenes geht, ist klar: Ausgemusterte Computer führen zu Objekten, deren Funktion bereits komplett in Vergessenheit geraten ist. Neben dem Handschuhspreizer geben archäologische Fundstücke auch Hoffnung, dass einiges an Erinnerung noch irgendwo auf seine Entdeckung wartet. Arbeiten von Künstler Daniel Spoerri fügen sich ins Thema perfekt ein: Mit seinen Materialbildern haucht er vermeintlich Ausrangiertem, etw­a gebrauchtem Geschirr, als Kunstwerk assembliert neues Leben ein.

Die Frage, wie erinnert werden soll, stellt sich im zeitgenössischen Diskurs immer öfter. Wie etwa an den Nationalsozialismus erinnert werden darf, darüber streiten sich Kritiker gerade angesichts der jüngsten Installation des „Zentrum­s für Politische Schönheit“ vor dem Berliner Reichstag. Die Asche von KZ-Opfern soll hier Erinnerung wachhalten. Die Sonderschau im Ferdinandeum erinnert in Artefakten wie einem ungeöffnete­n Brief an die NS-Zeit. Dazu gesellt sich eine Neon-Arbeit von Brigitte Kowanz, in der sich das hebräische Wort für „Vergessen“ ständig in sich selbst spiegelt, bis es verblasst.

Wie schon in „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung“, bis April im Ferdinandeum gezeigt, stellt auch „Vergessen“ die Rolle der Landesmuseen, dieses Mal als „Gedächtnis Tirols“, zur Diskussion. Schließlich entscheidet das Haus mit seiner Sammlungstätigkeit darüber, was bleibt und zugleich auch, was vergessen werden wird. Selektion ist gleich Interpretation. Ein so genannter Giftschrank als Aufbewahrungsort von „verbotenen“ Schriften erinnert dabei an früheres, aufgezwungenes Vergessen. Und stößt ein Nachdenken über den Kanon an. Tiefere Einblicke gibt hier der ambitionierte Katalog und wohl auch 2020 anstehende Diskussionsformate.

Die gut ausgewählten Werk­e zeigen, dass sich das Ferdinandeum mit dieser Ausstellung klar in der Gegenwart verortet. Diesen kommt man bisweilen ungewöhnlich nah­e, weil die drei Bereiche, die für in Kooperation mit der Uni Innsbruck eigens realisierte Virtual-­Reality-Stationen reserviert wurden, auffallend viel Platz einnehmen. Interaktiv soll man sich hier das Thema erspielen. Das ist zwar auf gut Neudeutsch „instagramabl­e“, aber es droht Beliebigkeit. Wirklich ausschließen mag man also nicht, dass es feingefilterte Fotos sind, die online weiterleben werden. Bis jemand sein Recht auf Vergessen einfordert.


Kommentieren


Schlagworte