Als die Nacht sich senkte: Mit einem grausigen „Hamur“

Herbert Lackner begleitet Dichter und Denker durch die dramatischen Jahre 1918–1938.

Im Mai 1933 wurden in zahlreichen deutschen Städten Bücher verfemter Autoren von Brecht über Freud bis Zweig öffentlich verbrannt.
© imago

Von Michael Sprenger

Innsbruck –Es ist der 6. März 1938. Im Theater in der Josefstadt treffen einander Hermann Broch und Alfred Polgar. Am Ende der Veranstaltung, es ist eine Lesung, an der die beiden Schriftsteller teilnehmen, wird Polgar mit seiner Frau in den Zug einsteigen. Er führt sie nach Paris. Sie sind gerettet. Eine Woche später wird Broch verhaftet. Die Nazis haben jetzt das Sagen. 1939 kommt er frei. Er kann in die USA ausreisen. Albert Einstein und Thomas Mann konnten ihm ein Visum besorgen. Der große Schriftsteller („Der Tod des Vergil“) starb im Exil; Polgar kehrt nach dem Krieg nur einmal kurz nach Österreich zurück. Er lebte bis zu seinem Tod 1955 in der Schweiz. In seinen Erinnerungen kann man lesen: „Im März 1938 allerdings haben Österreicher eindrucksvoll bewiesen, dass sie Bestien sein können. (...) Sie waren keine finsteren Quäler, mißhandelten ihre Opfer nicht mit tierischem Ernst, sondern mit jener Spielart einheimischen Humors, die ,Hamur‘ ausgesprochen wird und so grausig ist wie ihr Name.“ In einem episodenreichen, kurzweiligen Stil gelingt es Herbert Lackner, er war langjähriger Chefredakteur des profil, in seinem Buch „Als die Nacht sich senkte“ anhand von Zeitungsartikeln, Tagebüchern und Erinnerungen der Dichter und Denker eindrucksvoll die Zeit zwischen den beiden Kriegen darzustellen.

Verblüfft nimmt man zur Kenntnis, wie viele Geistesmenschen es nicht wahrhaben wollten, Gefahren von aufkeimendem Faschismus zu erkennen – und wie andere früh den Keim des Künftigen erkannt haben. So erfährt man bei Lackner, wann in einer österreichischen Zeitung erstmals der Name Adolf Hitler auftaucht. So viel sei verraten: Es war eine Zeitung in Westösterreich.

Und Stefan Zweig schrieb 1922 an seinen Freund Romain Rolland: „Vielleicht sehe ich schwarz. Aber bis heute sind unsere schwärzesten Voraussichten noch immer von der Wirklichkeit überholt worden.“ Eine Prognose, die sich bitter bestätigen sollte.

Geschichte Herbert Lackner: Als die Nacht sich senkte. Carl Ueberreuter Verlag, 224 Seiten, 22,95 Euro.

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