„Dies Irae“: Apokalypse im dichten Bühnennebel

„Dies Irae“: Der designierte Volkstheaterdirektor Kay Voges gibt sein Wien-Debüt am Burgtheater.

Verfolgt von Videokameras: Barbara Petritsch hat soeben ihre Doppelgängerinnen gemeuchelt.
© Horn

Von Bernadette Lietzow

Wien –„Es geht um den Moment vor dem erlösenden Akkord, den Moment vor dem Untergang, den Moment vor dem eigenen Sterben, den Moment vor dem Orgasmus“, so Dramaturg und Mitautor Alexander Kerlin zur „Endzeit-Oper“, die er gemeinsam mit Regisseur Kay Voges und dem Musiker Paul Wallfisch aus Text, Bild und Sound mit nahezu alttestamentarischem Anspruch „erschaffen“ hat.

Zu empfehlen sind diese Notizen aus dem Probenprozess, die man auf der Burgtheater-Seite entdecken kann, erschließen sie doch Denkhorizont und Hintergrund von „Dies Irae – Tag des Zorns“ bizarrerweise viel besser als das Kawumm auf der Bühne, das am Donnerstag vom Premierenpublikum mit vorweihnachtlich friedlichem Applaus bedacht wurde.

Treppen greifen gleichsam in den Raum. Flugzeugrumpf und Friedhof befinden sich in assoziationsreicher Nachbarschaft, daneben angedeutet ein Hotel, dessen Leucht­reklame von „Eden“ oder doch „Ende“ kündet – all das hat Daniel Roskamp auf die ständig wie die Erdkugel kreisende Drehbühne gepackt. Darauf, dazwischen, eigentlich überall, sind doch Live­kameras ständige Begleiter und die Video-Screens wahre Bilderwerfer, agiert ein hochkonzentriertes Ensemble.

Diesem wird in dieser Konzeption streckenweise nicht viel mehr zugestanden, als Häppchen aus der schieren Fülle an Bibelstellen, antiken Dramen und Texten von Jean Paul bis Ernst Jünger, von Hug­o von Hofmannsthal bis Primo Levi zitierend zu interpretieren – im Einklang mit der Musik, Stichwort Oper.

Pop, Minimal, Fetzchen von Schubert und Richard Strauss bilden das von Komponist Wallfisch und zwei Mitstreitern live gespielte und von der sonoren Stimme der Sängerin Kaoko Amano unterstützte musikalische Gerüst.

Ein junges Paar (Andrea Wenzl und Felix Rech), sein greises Alter Ego (Barbara Petritsch und Martin Schwab), eine Medea-Gestalt (Dörte Lyssewski), der windige Pilot der „Air Mageddon“ (Florian Teichtmeister), ein Untergangs-Conférencier (Markus Meyer) und zwei rastlos durch die Szenerie stolpernde klug­e Kobolde (Mavie Hörbiger, Katharina Pichler) sind die Hamster in diesem Lebenslaufrad aus Liebe, Geburt, Tod und allerlei Schicksalhaftem.

„Echter“ Sex auf der Bühn­e, der Aufreger im Vorfeld, entpuppte sich als harmlos. Ernster ist die Frage, ob Kay Voges’ in „Dies Irae“ vorgestellte Theaterhandschrift für das Volkstheater, das er im Herbst 2020 übernehmen wird, geeignet ist.


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