Atom-Ausstieg: Schweizer AKW Mühleberg wird stillgelegt

AKW-Gegner sind erleichtert, Befürworter bedauern das Ende nach 47 Betriebsjahren: Die Abschaltung des Schweizer Atomkraftwerks in Mühleberg BE, die am Freitag zu Mittag geplant ist, löst gemischte Reaktionen aus.

Das AKW Mühleberg wird abgeschaltet.
© AFP

Bern – Das AKW Mühleberg im Westen von Bern wird nach 47 Betriebsjahren vom Netz genommen. Seit Freitagfrüh wird die Leistung des Reaktors nach und nach reduziert, indem Steuerstäbe zwischen den Brennstoff gefahren werden. Punkt 12.30 Uhr ist es dann soweit: Zwei Mitarbeiter im Kontrollraum werden zwei Knöpfe drücken, um das AKW für immer abzuschalten. Bis 22. Dezember soll das Herunterfahren abgeschlossen sein. Anfang 2020 beginnt dann der Rückbau des AKW, der mehr als ein Jahrzehnt andauern wird. Erst 2030 wird das Areal frei von radioaktivem Material sein.

Aktivisten werden sich zu Mittag zur letzten Mahnwache vor dem Sitz der AKW-Betreiberin BKW in Bern versammeln, unter ihnen bekannte Berner Politikerinnen wie die Grüne Franziska Teuscher. Sie feiern „den Ende eines jahrzehntelangen Kampfs“. Das sei „ein schöner Tag“, teilte dieSchweizerOrganisation NWA (Nie wieder Atomkraft) mit. Gemeinsam mit Umwelt- und Naturschutzorganisationen sowie linken und grünen Parteien lädt sie am Freitagabend zu einem Nachglühfest in die Berner Reitschule.

Bedauern bei den Befürwortern

Ganz andere Worte zum Mühleberg-Aus findet Swissnuclear, der Branchenverband derSchweizerKernkraftwerksbetreiber. Das AKW westlich von Bern habe seit 1972 zuverlässig und praktisch störungsfrei Strom erzeugt. Dank Modernisierungen und Nachrüstungen sei die Anlage heute sicherer denn je.

„Die Kernenergie ist hinter der Wasserkraft weltweit die zweitgrößte Quelle von CO2-armer Elektrizität“, schreibt das Nuklearforum. Sie habe das Potenzial, den steigenden Strombedarf zu konkurrenzfähigen Preisen zu decken und gleichzeitig Umwelt und Klima zu schützen.

Pleiten, Pech und Pannen

Allerdings blenden die Befürworter der Atomenergie aus, dass das AK Mühleberg von Beginn an – der Bau begann 1967 – von Pleiten, Pech und vielen Pannen begleitet wurde. So gab es schon während des Testbetriebes 1971 im Turbinenhaus des Kraftwerks einen Brand. 1991 wurden Risse an den Schweißnähten des nicht-druckführenden Kernmantels entdeckt, die im Laufe der Jahre immer größer wurden. Deshalb wurden 1996vierZugankerangebracht. 2018 wurde Mühleberg auf Grund einer Störung automatisch abgeschaltet. In den Dampfleitungen wurde ein kurzzeitiger Anstieg der Radioaktivität gemessen.

Erst 2013 wurde bekannt, dass bereits im Jahr 2000 im Bielersee vermehrt Cäsium-137-Werte in den See gelangten. Grund dafür: In Mühleberg wurde Ende der 1990er-Jahre eine neue Anlage in Betrieb genommen, mit der radioaktives Harz aus Filtern so verfestigt wird, dass es bereit für Atommülllager ist. Anfangsschwierigkeiten führten dazu, dass mehr Cäsium 137 in die Aare abgelassen wurde – was wiederum die Ablagerungen im See bewirkte.

Nichts desto trotz schaffte es die BKW als Betreiber immer wieder, dass – trotzt heftiger Proteste – das Kraftwerk weitergeführt werden konnte. Unter anderem scheiterte auch das Land Vorarlberg mit einer Klage gegen das Kraftwerk.

Nachdem sich die Schweizer 2017 in einer Volksabstimmung für den Atomausstieg und eine stärkere Förderung erneuerbarer Energien ausgesprochen hatten, ist der Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz seit dem Vorjahr verboten. Die vier noch bestehenden Kraftwerke sollen am Netz bleiben, solange sie von der Aufsichtsbehörde als sicher eingestuft werden.(APA, hu)


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