Reise in den Oman, das Land der vielen verschiedenen Düfte

In der Weihnachtsgeschichte bringen die Heiligen Drei Könige Weihrauch nach Bethlehem. Kamen sie aus dem Oman? Das reiche Sultanat war einst Weihrauchquelle für die ganze Welt.

Die Sultan-Qaboos-Moschee hat Platz für 25.000 Gläubige und ist damit eine der größten Moscheen Arabiens.
© Bruenjes

Von Stephan Brünjes

Zuerst ist da dieser Geruch: Etwas beißend, leicht süßlich startet er sofort das Kopfkino. Mit Bildern eines Pfarrers, der ein qualmendes Messinggefäß schwenkt, dem Geräusch der daran rasselnden Kette und entweichenden Rauchschwaden, die durchs Kirchenschiff ziehen. Ein deutscher Weihnachtsgottesdienst flimmert vorm inneren Auge vorbei – dabei stehen wir mitten im Markttreiben der omanischen Hauptstadt Muscat.

Auf dem Weg in die Muscat Moschee. 3 Das Markttreiben in der omanischen Hauptstadt Muscat.
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Widerstand gegen diese von der Nase ausgelösten Eindrücke ist zwecklos, signalisiert das Gehirn: Dein Rauch komme, sein Wille geschehe! Doch woher strömt er eigentlich? Die Augen scannen Stände des engen, dunklen Markts ab und bleiben zwischen T-Shirts, Silberschmuck und Wasserpfeifen schließlich hängen an einem faustgroßen, zipfelmützenartigen Tongefäß mit kunstvoll geformten Öffnungen. Aus ihnen steigt kaum sichtbar eine Rauchfahne auf.

„Wieruch, Wieruch“, ruft der dahinter kauernde Händler in gebrochenem Deutsch, „trrii Rial, only trrii Rial“ und zeigt auf kleine Päckchen mit kandiszuckergroßen Weihrauchstücken. Drei Rial sollen sie kosten, umgerechnet etwa sechs Euro. Fahad, unser Führer und Fahrer durch eine Woche Oman, schlendert ohne Seitenblicke weiter – das untrügliche Zeichen: Weihrauch gibt’s woanders noch billiger und in besserer Qualität.

Sultan stürzte seinen Vater

So gerät Omans Nationalgeruch für eine Weile aus dem Blickfeld – auch weil sich ein Mann ständig hineindrängelt: Sultan Qaboos Al Said. Mal gütig, mal mahnend schaut der absolutistische Herrscher seine Untertanen von Ladentheken, Wimpeln und Geldscheinen an – seit Jahrzehnten: Im Jahre 1964 von der Militär-Ausbildung in England und Deutschland zurückgekehrt, bekam Qaboos Hausarrest vom Vater, stürzte ihn 1970 und übernahm einen abgeschotteten, verarmten Winkel rechts unten auf der arabischen Halbinsel, etwas größer als Deutschland.

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Das Markttreiben in der omanischen Hauptstadt Muscat.
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Nur elf Kilometer asphaltierte Straße gab es damals im Oman, ein Krankenhaus, drei Koranschulen, 98 Prozent Analphabeten, Sonnenbrillen- und Radio­verbot. Heute können fast 90 Prozent der omanischen Männer und 70 Prozent der Frauen lesen und schreiben, bestens ausgebaute Straßen führen in jedes noch so entlegene Dorf und dort auch zu einem „Medical Center“. Steuern? Gibt’s nicht. Noch verdient der Staat genug mit Öl und Gas. Nicht nur Fahad, viele Omaner während der Rundreise erzählen diese Erfolgsgeschichte von 1001 Pracht. Etwa aus Furcht vorm Sultan? „Nein, aus Ehrfurcht“, bestätigt auch Dorien Smit, die niederländische Verkaufsleiterin im Hotel Interconti der Hauptstadt Muscat.

Nun ja, der Mann hat ja auch Ideen: Dass er eine der größten Moscheen Arabiens mit Platz für 25.000 Gläubige bauen lässt, einen neuen Flughafen und breite Ausfallstraßen – geschenkt. Aber welcher Staatschef kann schon von sich sagen, er habe einen besonders betörenden Duft in Auftrag gegeben? „Unser Öl und Gas reichen nicht ewig“, soll Sultan Qaboos schon in den frühen Achtzigerjahren gesagt haben – „lasst uns mit Parfum anfangen!“ Aber nicht irgendeinem, sondern dem in der ganzen Welt begehrten omanischen Nationalduft.

„Amouage“: Die Parfümflasche mit ganz besonderem Inhalt, quasi dem National-Duft des Landes.
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Das teuerste Parfum der Welt

Guy Robert wurde eingeflogen, einer der besten französischen Parfumeure, üblicherweise in Diensten von Chanel oder Dior. Des Sultans Auftrag war wohl sein ungewöhnlichster: „Erschaffe mir das teuerste Parfum der Welt, Geld spielt keine Rolle, aber omanischer Weihrauch muss drin sein!“ Ein Jahr lang experimentierte Guy Robert, mixte Weihrauch so lange mit Zedernholz, Koriander, Rosen oder Jasmin, bis „Amouage“ herauskam. Im Flakon aus Sterling-Silber für 1000 US-Dollar.

Von der Küste geht es an Bergketten vorbei auf das 2000 Meter hohe Gebirgsmassiv Jebel Akhdar.
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Der Preis ist auf einige hundert Dollar abgesackt, aber die Marke hat sich gehalten. Alle zwölf Monate kommt ein neuer „Jahrgang“ – mit Weihrauch als Pflicht-Inhalt – aus der unscheinbaren, kleinen Fabrik an der Ausfallstraße.

Ein paar Kilometer weiter geht’s ins Landesinnere, von der Küste aufs 2000 Meter hohe Gebirgsmassiv Jebel Akhdar! Draußen vor den Autoscheiben in der Gluthitze wandern Bergketten vorbei, die aussehen wie staubige XXL-Geröllhalden, aufgetürmt von einem Riesen.

Hier zeigt das Land seine imposante Lightshow – jahrtausendealt und farbenfroh wie Gewürzsäcke auf dem Markt: Lehmfarben erscheinen die zackigen Berge auf den ersten Kilometern, dann plötzlich smaragdgrün, rostbraun oder holzkohleschwarz. „Überall in unseren Bergen kann man genau sehen, wo sich vor Jahrtausenden Kupfer (grün), Eisen (braun) und andere Mineralien abgelagert haben“, sagt Fahad, „dieses Faltengebirge liegt da wie ein offenes Buch der Erdgeschichte.“

Fahad ist der Guide durch den Oman.
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Mittendrin die alte Hauptstadt Nizwa mit entwaffnend gastfreundlichen Omanern. „You want Dates?“, rufen zwei Stoffhändler – das englische Wort für Datteln – und laden zum „Qahwa“, einem eher dünnen Bohnen-Gebräu, serviert in traditionell henkellosen Espressotassen auf einem Teppich. Nach ein paar Minuten Zeichensprache klappt’s besser mit der Verständigung, weil Ibrahim Al-Remal Al-Daphia dazukommt.

Mit seinem erstaunlich guten Deutsch hat er First Lady Bettina Wulff schon Weihrauch verkauft – zu sehen auf einem Foto, das um die Ecke im Tante-Emma-Laden des Händlers hinterm Spiegel klemmt. Daheim in Großburgwedel wird Bettina Wulff das Päckchen mit den beigefarbenen Stücken sicherlich anders verwendet haben als die Frauen hierzulande.

Frauen nehmen Weihrauch, um gut zu riechen, wenn sie Allah begegnen.
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Weihrauch vertreibt Insekten

Sie raffen ihre langen Gewänder kurz auf Knöchelhöhe, schieben ein tönernes Weihrauch-Stövchen drunter und lassen den Rauch aufsteigen, bis er an Kopf und Schultern herausquillt. Oft ist der Weihrauch mit Sandelholz, oder Myrrhe versetzt. „Wenn wir Allah begegnen, wollen wir gut riechen“, sagt die 29-jährige Wafaa, eine der wenigen omanischen Frauen, die auf offener Straße mit uns spricht. Sie erzählt, dass viele Familien ihre Häuser von innen mindestens einmal täglich mit Weihrauch bedampfen – um Insekten und böse Geister zu vertreiben.

Doch woher im Oman kommt dieser geheimnisvolle Stoff? Und woraus besteht er? In der Nähe der Stadt Salalah, im äußersten Westen des Omans nahe der jemenitischen Grenze, führt Fahad uns auf ein Hochplateau. Geröll und Staub so weit das Auge reicht. Mittendrin ein paar unscheinbare, niederstämmige Bäume namens „Boswellia Sacra“, kaum drei Meter hoch, knorrig und verzweigt.

Fahad ritzt den Stamm mit einem Spatel vorsichtig ein. Heraus quellen weiße milchige Harztropfen und gerinnen. „Der erste, aber nutzlose Weihrauch“, erklärt Fahad, „die Besitzer der Bäume schaben ihn nach ein paar Tagen ab und ritzen den Baum erneut.“

Zwei Stoffhändler laden zum „Qahwa“ ein.
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Das dann austretende beigefarbene Harz wird ebenfalls von der „Baumwunde“ abgeschnitten und in drei bis zehn Zentimeter langen Stücken zum Trocknen für drei Wochen in die Sonne gelegt. Dann ist dieser Weihrauch gereift und kann im Suq, einem kommerziellen Viertel, verkauft werden.

Der dritte Weihrauchschnitt – mal silbrig, mal grün schimmernd – ist der edelste und wird von den Omanern in Wasser eingelegt getrunken. Das soll gegen Halsschmerzen helfen, die Liebeskraft steigern und Kindern bessere Schulnoten bescheren.

Antiken Geschichtsschreibern zufolge lebten rund um Salalah, in Omans südwestlicher Provinz Dhofar, vor gut 2000 Jahren die reichsten Menschen der Welt – und zwar Weihrauch-Händler. Sie hatten quasi das Monopol auf das Harz, damals begehrter als Gold und heißersehnt in griechischen und römischen Tempeln, in Ägypten oder Babylon.

Allein ins Römische Reich sollen 3000 Tonnen Weihrauch jährlich geliefert worden sein. Dorthin und zu allen anderen Abnehmern stets per Kamel über die so genannte Weihrauch-Straße, die wohl älteste Handelsroute der Welt: Drei Monate waren die Karawanen durch die Wüste unterwegs, über Medina bis nach Gaza.

Vielleicht kauften hier auch Caspar, Melchior und Balthasar ihren Weihrauch für das Jesuskind.

Gut zu wissen

Infos: www.omantourism.de - die offizielle Webseite des Oman in Deutschland. Einen sehr guten Überblick, viele wichtige Fakten und spannende Geschichten bietet das DuMont Reise-Handbuch Oman, 22,95 €.

Wichtig: 1 Omani Rial entspricht etwa 2,5 Euro. Geldumtausch im Oman ist günstiger als bei uns und funktioniert an Geldautomaten mit gängigen Kreditkarten. Bei der Ankunft am Flughafen muss man ein Visum kaufen, es gilt vier Wochen und kostet ca. 50 Euro. Von November bis Ende Mai ist es angenehm warm und nicht zu heiß.

Rundreisen: Im Großraum der Hauptstadt Muscat am besten mit dem Taxi. Preis bei Nennung des Ziels vereinbaren! Für weiter entfernte Ziele empfiehlt sich ein Mietwagen mit Allradantrieb. Frauen können sich im Oman problemlos bewegen, sollten allerdings Kleidung tragen, die Knie und Schultern bedeckt.

Anreise/Pauschalpakete: Oman Air fliegt mehrfach pro Woche von Frankfurt und München nach Muscat und zurück, ab ca. 500 €/Person. Der Reiseveranstalter fti bietet die Rundreisen durch den Oman mit Stationen in Weihrauch-Gegenden wie Salalah an — mit Flug und Halbpension für 12 Tage ab ca. 1300 € pro Person. Tischler-Reisen bietet Oman-Rundreisen mit privatem Guide an — ab ca. 2800 €/Person.

Ein Blick über Muscat, die Hauptstadt des Oman. Der Blick vom Aussichtsturm vor dem Meer aus ist beliebt.
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