„Als der negative Bescheid kam, waren wir alle traurig“

Integration ist kein Thema beim Volleyballclub Mils, obwohl gleich drei Flüchtlinge seit heuer in der zweiten Bundesliga Österreichs mitspielen.

Die Milser Volleyballer bejubeln zusammen Siege in der 2. Bundesliga.
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Von Sabine Hochschwarzer

Nazar Vishivanjuk, Mohebi Mahdi, Reza Haidari und Soner Yorulmaz (v. l.).
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Mils — Der Winter in Afghanistan ist kalt. Kälter, aber kürzer als in Tirol. „Reza kommt immer mit dem Moped zum Training — in kurzen Hosen", sagt Mils-Volleyballer Simon Beimpold schmunzelnd. Haidari lacht auf. „Wenn viel Schnee liegt, gehe ich aber zu Fuß", versichert der 22-Jährige grinsend. Der Marsch von Absam, wo er inzwischen in einer kleinen Garçonnière lebt, zum Training nach Mils und retour macht ihm nichts aus. Ein Spaziergang im Vergleich zu jenem vor rund vier Jahren.

Bevor es im Jänner wieder ans Netz geht, steht jetzt gemeinsames Krafttraining an.
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Nur im Training ist man manchmal Gegner, sonst ist die Gemeinschaft groß.
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Haidari kommt aus Jaghori, einem der Hauptbezirke der Provinz Ghazni im Westen Afghanistans. Teamkollege Mahdi Mohebi auch. Rund 300.000 Einwohner leben dort auf einer Fläche, die in etwa so groß ist wie der Bezirk Innsbruck Land. „Wir kannten uns damals aber nicht", sagt der 25-jährige Mohebi. Erstmals aufeinander trafen sie in Österreich, bei einem Beachvolleyballturnier in Wien. „Wir spielten im Finale gegeneinander. Er hat leider gewonnen", zeigt Haidari auf Mohebi und schaut gespielt ernst. Der Zufall brachte beide in Innsbruck wieder zusammen. „Wohin du kommst", erklärt Haidari, der nun als Maler in Absam arbeitet, „darauf hast du beim Transfer keinen Einfluss." Teamkollege Mahdi führte eine Lehre als Koch nach Patsch, wo er auch ein Zimmer hat. Bei der Suche nach einem Volleyballklub landeten sie zusammen zunächst bei der Turnerschaft Innsbruck. „Volleyball macht mich frei im Kopf. Ich habe nette Kollegen und viel Spaß. Es bringt mich auf andere Gedanken", sagt Mahdi und senkt den Kopf. Die Stimmung ist plötzlich eine andere.

Angst, Krieg und noch mehr Angst bei der Flucht — beiden fällt es schwer, darüber zu reden. „Es war schrecklich, einfach nur schrecklich", erzählt Haidari leise. Zuvor hatte er noch laut gelacht. „Es ist eine lange Geschichte, die ich in meinem Leben nie vergessen werde." Zu Fuß, mit dem Lkw und schließlich mit dem Boot sei er über einen Monat lang unterwegs gewesen. „Du hast nur zehn Prozent Überlebenschance, alles ist sehr gefährlich", sagt er. Mohebi nickt und blickt weiterhin auf den Hallenboden. „Das Schlauchboot am Meer war etwa so groß wie die Matten hier", beschreibt Haidari rund zehn Qua­dratmeter Fläche. „Und wir waren 50 Leute. Du weißt, dass du stirbst, wenn etwas schiefgeht."

Andere Sprache und Schrift: Wenn der Trainer „tschabuk“ ruft, wissen alle, was zu tun ist.
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Die Teamkollegen, die noch im Kraftraum sind, legen die Hanteln ab. Es ist still geworden im Untergeschoß der Turnhalle. „Es ist ein großer Unterschied, was man über Medien mitbekommt und was man hört, wenn man mit den Leuten wirklich redet", erklärt der Volderer Soner Yorulmaz (24), der beide bei der TI kennen lernte und ein Jahr zuvor nach Mils gewechselt war. Im Vergleich dazu habe man selbst keine Probleme: „Das relativiert vieles in meinem Leben."

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Trotz Auswärtsspielen bei Gegnern wie Holla­brunn, Enns oder Steyr ergeben sich nicht viele Gelegenheiten, um zu reden, wie Simon Beimpold, seit 14 Jahren beim VC Mils, beschreibt: „Man weiß nicht, ob sie genau dann darüber reden wollen. Ich habe jedenfalls immer das Gefühl, dass sie froh sind, hier zu sein."

Auch Nazar Vishivanjuk (29) musste flüchten. Der Sportlehrer, der im Altersheim hilft und eine Volleyballgruppe in Kematen betreut, verließ die Ukraine 2016 — wegen der Umstände: „Wenn ich zurückgehe, muss ich für fünf Jahre ins Gefängnis. Hier fühle ich mich sicher."

Dabei ist die Unsicherheit in Mils immer groß, nur selten aber für alle spürbar. Wie etwa, als Vishivanjuk plötzlich einen negativen Asylbescheid bekam. „Da waren wir alle sehr traurig. Es trifft alle. Man kriegt ja hautnah mit, wie es ihm damit geht, wenn er nicht weiß, wie es weitergehen soll", erzählt Yorulmaz. Mitten unter der Saison, alles sei super gewesen und dann auf einmal alles schlecht. „Man muss warten und weiß nicht, wie lange. Es kann drei oder fünf Jahre oder wie lange auch immer dauern", ergänzt Haidari mitfühlend. Er selbst habe vor rund einem Jahr hingegen einen positiven Bescheid bekommen: „Ich war so erleichtert und habe gefeiert. Die Unsicherheit ist vorbei." In den Verfahren von Vishivanjuk und Mahdi wird noch weiter geprüft, der nächste, vermutlich dann endgültige, Bescheid folgt — bald.

„Beim Volleyball vergesse ich das aber alles", sagt Angreifer Mohebi, wieder lächelnd, „früher waren wir Hobbyspieler, jetzt sind wir Profis — zumindest ein bisschen." Und ohne damit Geld zu verdienen. Dreimal pro Woche trainieren sie drei Stunden, am Wochenende steigen die Spiele. „Sie sind sehr motiviert, auch vorbildlich bei der Trainingsanwesenheit. Ich wünsche jedem Trainer solche Spieler", lobt Coach Tom Schroffenegger. Es gebe kein Hinterfragen, nie habe es geheißen, „da habe ich keine Zeit".

Integration sei nie ein Thema gewesen, „und sprachlich sind sie ohnehin schon gut drauf". Schroffenegger hat indes sogar Codewörter aus Afghanistan übernommen. „Wenn er ?tschabuk' schreit, dann muss es schnell gehen", erklärt Haidari grinsend. Derzeit liegt Mils in der zweiten Liga auf Rang fünf, die erste zu erreichen, wäre ein Traum aller. „Mal abwarten", sagt der Trainer.

Und Weihnachten? Vishivanjuk hilft im Altenheim, Mohebi kocht. Haidari feiert indes mit einer Familie in Natters, bei der er auch ein Jahr wohnte: „In Afghanistan gibt es leider kein Weihnachten, aber es ist eine schöne Tradition und gefällt mir sehr. Es gibt mir Hoffnung."

In Mils am Ball: Aufspieler Reza Haidari, Mittelblocker Nazar Vishivanjuk und Angreifer Mahdi Mohebi.
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Ein bisschen Spaß muss immer sein, sagt Afghane Reza Haidari.
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