Gefährliche Zeiten für Wale: Japaner wieder auf der Jagd

300.000 Wale und Delfine ertrinken pro Jahr in Fischernetzen. Der Klimawandel verschärft Bedrohungen, sagt Rebecca Lent, Generalsekretärin der Internationalen Wahlfang-Kommission.

Schmelzende Eisberge, wärmeres Wasser und immer mehr Schiffe: Für Wale verschärft der Klimawandel viele Gefahren. Der Walfang ist zudem für manche Staaten nicht mehr tabu.
© Getty Images/iStockphoto

Frau Lent, wie ist es um den Schutz der Wale derzeit bestellt? Was sind die Prioritäten und größten Herausforderungen der Internationalen Walfang-Kommission (IWC)?

Rebecca Lent: Die heutige Welt birgt zahlreiche Bedrohungen für Wale, Delfine und Tümmler. Die größte Bedrohung ist der Beifang an den Fanggeräten der Fischer. Dabei werden jedes Jahr mehr als 300.000 Tiere getötet. Die Internationale Walfang-Kommission hat eine Initiative zur Minderung des Beifangs ins Leben gerufen, die mit der Fischereiindustrie und vielen anderen Interessengruppen zusammenarbeitet. Ziel ist es, neue Technologien und Ansätze zu finden, die nicht zum Unfalltod von Nichtzielarten führen.

Rebecca Lent ist Generalsekretärin der Internationalen Walfang-Kommission IWC mit Sitz in Großbritannien.
© IWC

Wie geht es den Walen in den Weltmeeren?

Lent: Leider ist der Beifang nicht die einzige Sorge. Das IWC bemüht sich auch darum, Bedrohungen durch verschiedene Arten der Verschlechterung des Lebensraums zu begegnen. Das schließt Meereslärm, Schmutz und chemische Verschmutzung, Zusammenstöße mit Schiffen und mehr mit ein. Das IWC hat seine Rolle in den Bereichen Wissenschaft und Verwaltung auf neue Bereiche ausgeweitet, was auch unsereEntwicklung in der 75-jährigen Geschichte der Kommission widerspiegelt. Die Bedeutung der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen nimmt zu, beispielsweise in den Bereichen Fischerei, Schifffahrt und Umweltschutz.

Wie bedroht der Klimawandel die Walpopulation? Mit welchem Szenario muss gerechnet werden?

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Lent: Wir müssen weiterhin daran arbeiten zu verstehen, wie Wale auf den Klimawandel reagieren und möglicherweise in Zukunft reagieren werden. Neben direkten Auswirkungen wie schmelzendem Eis und wärmeren Gewässern kann der Klimawandel auch andere Bedrohungen verschärfen. Beispielsweise könnte eine verstärkte Schifffahrt in zuvor gefrorenen arktischen Gewässern die Gefahr von Kollisionen zwischen Walen und Schiffen erhöhen, die in dieser Region bislang unbekannt waren.

Was können Sie als Walfang-Kommission tun?

Lent: Es werden umfangreiche Modelle erarbeitet, um die Konsequenzen verschiedener Szenarien vorherzusagen. Es bleiben jedoch noch viele Fragen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Wale offen – wie auch bei anderen Arten.

Häufig verenden Delfine und Tümmler in den Netzen der Hochseefischer. Eine neue Initiative soll helfen, das Beifang-Risiko zu senken.
© WWF/IWC

Japan hat die IWC verlassen und möchte wieder zum Walfang zurückkehren. Wie schwierig ist es für die Kommission, die Welt davon zu überzeugen, die Wale zu schützen?

Lent: Die IWC hat 88 Mitgliedsländer. Es ist unvermeidlich, dass es unterschiedliche Ansichten über Wale und Walfang in dieser vielfältigen und globalen Mitgliedergemeinschaft gibt. Unabhängig von den Ansichten zu diesen Themen sollten sich alle einig sein, dass es vorrangig darum geht, jetzt und in Zukunft gesunde Walpopulationen aufzubauen und zu erhalten.

Die Fragen stellte Nina Werlberger

Japaner wieder auf der Jagd

Japan ist heuer nach 68 Jahren aus der Internationalen Wahlfang-Kommission ausgetreten. Im Juli hat die Regierung in Tokio grünes Licht für die Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs gegeben. Damit wiedersetzen sich die Japaner dem Walfangmoratorium, einem internationalen Verbot der Jagd auf Großwale.

Nichtregierungsorganisationen üben daran scharfe Kritik. Bis Jahresende sollten Ankündigungen zufolge mehr als 200 Wale erlegt werden – darunter 52 Zwergwale, 150 Brydewale und 25 Seiwale. Auch auf Delfine wird vor Japans Küste wieder Jagd gemacht. Wie japanische Medien berichten, dürfne Fischer knapp 2000 Delfine und kleinere Wale fangen.

Dabei treiben Fischer Delfine zusammen, indem sie durch Hämmern auf Metallstangen den Orientierungssinn der Tiere lahmlegen. Statt wie früher mit Harpunen wird nun mit einer Methode gejagt, die auf den Färöer-Inseln entwickelt wurde.

Dabei würden die Fischer das Rückenmark durchtrennen, was zu einem starken Blutverlust und damit einem realativ schnellen Tod binnen rund zehn Sekunden führe. Kritiker der brutalen Jagd halten dagegen, dass es schwierig sei, das Rückenmark gezielt zu durchtrennen.

Seit Anfang Dezember hat Japan auch seine Walbeobachtung in der Antarktis wieder aufgenommen. Jagd soll dort aber keine gemacht werden.

In Europa wird der kommerzielle Walfang in Island und Norwegen praktiziert. Heuer hat Island jedoch erstmals seit 17 Jahren darauf verzichtet. Bis zu 209 Finn- und 217 Zwergwalen sei damit der qualvolle Tod durch Explosivharpunen erspart geblieben, erklärte die Tierschutzorganisation Pro Wildlife. In Norwegen ist der Fang von etwa 1000 Minkwalen im Jahr erlaubt. (wer, APA, dpa)


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