Tiroler Industrie mit Lob und Warnung an Türkis-Grün

Tirols Industriellen-Präsident Christoph Swarovski fordert von der neuen Bundesregierung weitere Reformen, aber Augenmaß beim Öko-Kurs. Europa müsse mehr Stärke zeigen.

Paul Unterweger, Eduard Fröschl, Max Kloger, Eugen Stark, Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf, IV-Präsident Christoph Swarovski, Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann, Rainer Carqueville, LHStv. Josef Geisler und LR Johannes Tratter.
© Foto TT/Rudy De Moor

Von Alois Vahrner

Innsbruck — Hunderte Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kamen gestern zum traditionellen Neujahrsempfang der Tiroler Industriellenvereinigung ins Innsbrucker Congress. Tirols Industrie gehe jedenfalls trotz Auftragsrückgängen und internationaler Unsicherheiten verhalten optimistisch ins neue Jahr, sagte Swarovski. Es gebe noch genügend Wachstumspotenziale. Laut einer Umfrage der IV sehen drei Viertel der Betriebe dem neuen Jahr positiv entgegen.

Im Vorjahr lag Tirols Indus­trie auf Rekordniveau. Die 440 Industriebetriebe erzielten einen Produktionswert von über 11 Mrd. Euro, die Zahl der Beschäftigten blieb stabil auf dem Höchstwert von rund 42.000. Mit einem Anteil von 22 Prozent an der Bruttowertschöpfung sei die Industrie „der bedeutendste, weil auch größte Wirtschaftssektor im Land", so der IV-Chef.

Das globale Wirtschaftswachstum habe im Vorjahr von 3,8 statt auf prognostizierte 3,6 auf 3 Prozent nachgelassen, heuer gehe es voraussichtlich zaghaft bergauf. Neben Brexit, CO2-Debatte, Streiks in Frankreich und Unruhen in Südamerika oder Hongkong sei es vor allem die vom Westen offenbar so hingenommene „Weltautorität USA", die teils mit Willkür Zölle und Sanktionen gegen eine Reihe von Ländern und Unternehmen verhänge. Die Sanktionen gegen Russland würden allen Seiten massiv schaden und seien politisch praktisch wirkungslos. Auch der Iran werde sanktioniert, seither hätten sich aber die US-Exporte in den Iran verdreifacht, so Swarovski. Europa brauche Stärke und eine energische gemeinsame Linie gegenüber China oder den USA. „Wir müssen auch unsere Politik strikter auf unsere Interessen ausrichten." Bis zur Erlangung vergleichbarer Umwelt- und Sozialstandards und fairer Wettbewerbsbedingungen brauche es auch von Seiten Europas Zölle als wirtschaftspolitisches Regulativ.

Im Vorjahr hatte Swarovski noch den Politik-Kurs von Türkis-Blau stark gelobt. Nach Ibiza-Skandal und Neuwahl ist seit gestern Türkis-Grün am Ruder. Für Swarovski ist das vereinbarte Regierungsprogramm positiv zu bewerten — „vorbehaltlich der inhaltlichen Ausgestaltung und der zeitlichen Umsetzung". Zu hoffen sei, dass „der Stil des nicht provokanten, des streitfreien und konsensualen Miteinanders auch in der Koalition mit den Grünen fortgesetzt werden kann", hofft der IV-Präsident. Positiv seien etwa die geplante Senkung der Körperschaft- und Einkommensteuer, der Schutz der EU-Außengrenzen, die angestrebte Erweiterung der EU um die Westbalkan-Staaten ebenso wie Klimaschutzzölle und die Einführung einer Bildungspflicht bis 18.

Kritisch sieht Swarovski die geplante Abschaffung des Amtsgeheimnisses und eine verpflichtende Frauenquote von 40 % in Aufsichtsräten. Bei einer ökosozialen Steuerreform brauche es jedenfalls großes Augenmaß. „Es darf jedenfalls nicht passieren, dass die klimaschonende Produktion in Österreich ins weniger klimaschonende Ausland verlegt wird und hierzulande der Wirtschaft geschadet und Arbeitsplätze vernichtet werden", warnt Swarovski. Österreich habe nur 0,1 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes, sei hingegen bei der E-Mobilität (Bahn, E-Bus, U-Bahn, Bim, E-Pkw) mit der Schweiz weltweite Nummer 1. Zu Vorschriften wie dem Luft-Hunderter: Wenn in der Silvesternacht durch Feuerwerkskörper so viel Feinstaub entstehe wie durch den Straßenverkehr das ganze Jahr über, dann wäre ein Feuerwerksverbot weit effizienter.

Swarovski drängt auf eine Steuerbegünstigung von freiwilligen Abfertigungen, die Zahl der Arbeitsplätze sollte sich bei der Steuerbemessung ebenso positiv auswirken wie das Ausmaß des für die Allgemeinheit von Unternehmern eingegangenen Risikos.

Auslöser für den Brexit sei auch die große Kluft zwischen urbanem und ländlichem Raum gewesen. Deshalb müsse die Politk auf Bundes- wie auch auf Landesebene die ländlichen Regionen stärken und dort die Zukunftschancen sichern, etwa bei Schulen, Infrastruktur, Wirtschaft usw. Lob spendet Swarovski dem Land Tirol, das etwa bei der Digitalisierungs- oder Wasserstoff-Offensive beispielhaft agiere. Schwarz-Grün in Tirol sei auch ein Beispiel für Kontinuität für den Bund.

Umfrage — Die Stoßrichtung im Jahr 2020

Markus Langes-Swarovski: „2019 verlief herausfordernder als erwartet, vor allem auch durch ein schwieriges Marktumfeld getrieben. 2020 begehen wir unser 125-Jahr-Jubiläum und blicken positiv ins neue Jahrzehnt."

Andrea Berghofer (Adler Lacke): „2019 haben wir in Schwaz die modernste Wasserlackfabrik Europas und unser neues Logistikzentrum eingeweiht. Mit dieser 60-Mio.-Euro-Investition haben wir uns für die Zukunft gerüstet und sind zuversichtlich, mit unseren Top-MitarbeiterInnen die Ziele für 2020 zu erreichen."

Bernhard Schretter (Plansee Group): „Nach einem herausfordernden Jahr 2019 wünsche ich mir für das neue Jahr: weniger Unsicherheit aufgrund handelspolitischer Verwerfungen weltweit und damit mehr Normalität und Nachfrage auf unseren Märkten."

Carlos Lange (Innio Jenbacher): „Das schnelle Wachstum der erneuerbaren Energien, der starke Schwerpunkt auf Energieeffizienz, der Aufstieg von umweltfreundlichem „grünem" Gas insbesondere in Europa sowie die steigende Nachfrage nach digitalen Lösungen — das alles spielt uns 2020 in die Karten."

Michael Kocher (Novartis): „Wir bei Novartis denken Medizin neu — das bedeutet, dass wir noch mehr PatientInnen mit innovativen Therapien und hochwertigen Generika versorgen möchten. Die Investitionen in Kundl/Schaftenau im Jahr 2020 leisten hierbei einen wichtigen Beitrag."


Kommentieren


Schlagworte