Skitouren-Boom: Warnung vor Chaos auf Tirols Bergen

In Deutschland hat sich die Zahl der Skitourengeher in den letzten 15 Jahren verdreifacht. Auch in Österreich hält der Trend an. Der Ansturm auf die Berge bringt Konfliktpotenzial, echte Lösungsansätze sind rar.

Symbolbild.
© Thomas Böhm

Von Anita Heubacher

Innsbruck, München –In den letzten fünfzehn Jahren habe sich die Zahl der Tourengeher in Deutschland etwa verdreifacht. „Das heißt, dass mindestens 600.000 Deutsche im Winter Skitouren gehen“, rechnet Thomas Bucher, Pressesprecher der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins in München, vor. „2004 waren es noch 200.000.“ Die Schätzung basiert auf einer Mitgliederbefragung, die der DAV alle fünf Jahre durchführt. Hatte der DAV 2004 noch rund 670.000 Mitglieder, hat sich deren Zahl bis heute verdoppelt. 1,3 Millionen Deutsche sind Mitglied. An die 80 Prozent der Skitourengeher sind im DAV organisiert.

Der Boom beim Skitourengehen schlägt sich in der Mitgliederbefragung ebenso nieder wie im Sporthandel. „Da hat sich eine Riesenwelle aufgebaut, die bricht nicht plötzlich ab. Die Frage ist nur, ob das Plateau schon erreicht ist oder es einen weiteren Anstieg gibt.“ 357 Sektionen hat der DAV in Deutschland, fast alle bieten laut Bucher Skitouren an. „Das ist ein ganz elementares Angebot.“

TT-Studiogespräch zum Thema Skitouren

Ein Viertel der befragten Skitourengeher geht ins Gelände, 19 Prozent bleiben auf der Piste. Unterm Strich ergibt das eine Blechlawine. „Es ist jedes Wochenende dasselbe, wenn sich halb München auf den Weg in die Berge macht.“ Man staue sich aus der Stadt raus, stehe beim Inntaldreieck zum zweiten Mal im Stau und staue sich vor dem Skitouren- oder Skigebiet, sagt Bucher. Er habe das selbst schon sehr oft erlebt. „Abschrecken lassen sich passionierte Tourengeher dadurch nicht.“ Die Situation sei in Oberbayern übrigens dieselbe wie in Tirol: Immer mehr zieht es in die Berge und den Einheimischen wird es zu viel.

Am Weerberg kann Bürgermeister Gerhard Angerer jedes Wochenende erleben, wie sehr das Skitourengehen boomt. Zu den deutschen Bergfans kommen die einheimischen dazu. Bis zu 200 Autos würden illegal entlang der Gemeindestraße parken. „Oft sitzt nur eine Person im Auto, die in Innerst Tourengehen will und dann wieder heimfährt“, erzählt der Bürgermeister. Die Gemeinde müsse für Schneeräumung und das Salzen der Straße viel Geld in die Hand nehmen, „bei null Wertschöpfung“, wie er meint. „Maximal die Jausenstation profitiert von den Tourengehern.“

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Angerer findet es prinzipiell gut, dass die Naturverbundenheit steigt, aber das illegale Parken bringe ihn und die Gemeinde in die Bredouille. Die Feuerwehr müsse ausrücken, um die Autos einzuweisen. „Die, die um drei Euro legal am Parkplatz parken, regen sich über die illegalen Gratisparker auf.“ Lösungen würden seit Jahren gesucht, aber nicht gefunden. „Es wird immer kurioser.“ So wie den Weerbergern geht es vielen anderen Gemeinden, die Ausgangspunkt für Skitourengeher sind.

© TT-Grafik

Den Ansturm auf die Berge sieht auch Tourismusforscher Hubert Siller vom Management Center Innsbruck. Vor zwei Jahren hat das MCI eine Studie zum Tourengehen erstellt. Die schwarz-grüne Landesregierung hatte sie in Auftrag gegeben, mit der grünen Intention, das Tourengehen stärker zu bewerben. „Das würde eine Reihe von Konflikten und Gefahren bringen, wenn das Skitourengehen im Gelände noch weiter in die Breite ginge“, sagt Siller. Nicht jeder, der im Gelände unterwegs sei, sei auch kompetent genug. 69 Prozent der Tourengeher kommen aus Österreich, 25 Prozent aus Deutschland, der Rest aus Südtirol und der Schweiz. Ein Mehr an Skitourengehern brächte die Bergretter an ihre Belastungsgrenzen und sei ökologisch bedenklich. „Das geleitete Skifahren auf der Piste, da sind wir in Tirol Profis“, sagt Siller. „Wir haben die Beförderungskapazität, um die Leute in die Berge zu bringen, wir können sie bergen. Wir können Schneesicherheit garantieren.“ Aber abseits der Pisten, im freien Gelände, schaue es anders aus. Die Motivation, sich die Tourenski anzuschnallen, ist laut Studie beim Pistentourengeher eine andere als beim Geländetourengeher. Für Erstere stehen Fitness und Stressabbau im Vordergrund, auf den Gipfel geht man, um Ruhe zu finden.

Bei der Tirol Werbung hält man sich mit der Werbetrommel zurück. „Wir wollen dieses Potenzial nicht touristisch ausschöpfen“, sagt Pressesprecher Florian Neuner. 80 Prozent der Gäste kämen zwecks Alpinskifahren und Winderwandern. „Darauf konzentrieren wir uns.“

Doppelt so viele Touren-Skischuhe verkauft

Der Verband der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs (VSSÖ) geht von 600.000 bis 700.000 Skitourengehern in Österreich aus. In der jüngsten Saison seien mehr als doppelt so viele Touring-Skischuhe verkauft worden als noch vor zwei Jahren. Diese Zahlen hatte, wie berichtet, der Verband Ende Dezember in Wien bekannt gegeben.

Alles in allem wurden in Österreich in der letzten Saison 433.000 Paar Ski verkauft. Die meisten Alpinski, nämlich 60 Prozent, landen im Skiverleih. Damit ist Österreich nach den USA und vor Frankreich der zweitgrößte Absatzmarkt für Alpinski. Ein Drittel der Österreicher steht zumindest ab und zu auf Ski. Skitourengehen werde immer beliebter, stellen auch die Sportartikelerzeuger fest.

Wie sich diese Beliebtheit kanalisieren lässt, versuchen Bürgermeister wie Touristiker zu klären. Seilbahner haben teils eigene Aufstiegsspuren für Tourengeher etabliert. Rund um Innsbruck ist jeden Tag abwechselnd abends ein Skigebiet beleuchtet und für Tourengeher offen. Zahlungsbereitschaft besteht laut MCI-Studie bei den Tourengehern am ehesten für den Parkplatz. Manche Gemeinden haben die Parkplatzgebühren drastisch erhöht, um des Andrangs Herr zu werden.


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