Australien in Flammen: Ausnahmezustand wird bald zu Normalität

Im Zuge des Klimawandels werden laut Forschern Hitzewellen häufiger und extremer, das Risiko für gewaltige Brände steigt. Mit einem Grad mittlerer Erdtemperatur mehr gebe es in Australien künftig mindestens alle 50 Jahre extreme Dürre. Der Katastrophenalarm in den betroffenen Feuer-Gebieten wurde indes verlängert.

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Die Bundesstaaten Victoria und New South Wales (im Bild) sind besonders von den verheerenden Bränden betroffen.
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Potsdam, Canberra – Extreme Waldbrände wie in diesem Sommer könnten für Australien zur traurigen Normalität werden. „Australien ist schon lange der Feuerkontinent schlechthin und die Wälder brennen in der betroffenen Gegend regelmäßig“, erklärte Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Mit der Zunahme extremer Dürren im Zuge des Klimawandels steige aber das Risiko für gewaltige Brände wie derzeit mit 50, 60 Meter hohen, rasend schnell um sich greifenden Feuerwalzen. Einer Analyse australischer Forscher zufolge habe es in der Region in vorindustrieller Zeit etwa einmal in 500 Jahren eine extreme Dürre gegeben, erklärte Thonicke. Inzwischen, mit einem Grad mittlerer Erdtemperatur mehr, passiere das etwa alle 50 Jahre. „Mit der weiteren Erwärmung wird die Häufigkeit wahrscheinlich weiter zunehmen“, so Thonicke. „Das Pendel schwingt immer weiter aus, es gibt immer neue Rekorde bei Temperatur, Trockenheit, Hitzewellen-Dauer, Niederschlagsdefizit.“

Auch für den Klimawandel-Forscher Marc Howden von der Australischen Nationaluniversität stellen die diesjährigen Brände eine extreme Situation dar: „Was wir in dieser Brand-Saison sehen, sind außergewöhnliche Feuer in Bezug auf die Anzahl, die betroffene Fläche und den sehr frühen Beginn.“ Die Brände hätten bereits jetzt enorme Auswirkungen auf die Menschen, die Infrastruktur und die Umwelt.

Millionen Menschen verlieren derzeit wegen der Brände ihr gesamtes Hab und Gut.
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2019 war das wärmste Jahr in Australien seit Beginn der Aufzeichnungen, wie das Amt für Wetterkunde in seinem jährlichen Klimabericht erklärte. Dabei reicht der Vergleichszeitraum bis 1910 zurück. Der Zusammenhang zwischen den Bränden, den geringen Niederschlägen und den hohen Temperaturen sei deutlich. Auch Amtschef Karl Braganza sagte: „Australiens Klima erwärmt sich.“

Hohe Temperatur, Trockenheit, Wind, leicht brennbare Bäume

In diesem Sommer kamen in Australien mehrere Faktoren zusammen: extrem hohe Temperaturen von bis zu 49,9 Grad und große Trockenheit durch fehlenden Niederschlag bereits seit dem Frühjahr. Eine Ursache dafür ist eine natürlich vorkommende Schwankung im Indischen Ozean, der Indische-Ozean-Dipol. Er sorgte dafür, dass vor allem im Zentrum und Südosten Australiens im Winter und Frühling weniger Regen fiel.

Etwas Regen und Temperaturen um 23 Grad bescherten den Feuerwehrleuten jüngst zwar eine kleine Atempause. Doch der Kampf gegen die Flammen ist noch lange nicht vorbei. Aus dem heißen Inneren des Kontinents strömten starke Winde mit hoher Geschwindigkeit Richtung Küste, erklärte PIK-Expertin Thonicke. Das habe eine rasante Ausbreitung der Feuer zur Folge. „Waldbrände können sich mehrere Kilometer pro Stunde schnell voranfressen, in extremen Fällen sind auch 30 bis 40 Kilometer pro Stunde möglich.“

Und ein weiterer Faktor trägt dazu bei, dass in Australien so rasch immer neue Brände entstehen und sich rasant ausbreiten: Die für Australien typischen Eukalyptus-Bäume enthalten große Mengen ätherische Öle und Wachse. „Holz brennt erst bei etwa 300 Grad, die leicht flüchtigen Öle und Wachse schon bei wesentlich niedrigeren Temperaturen“, sagt Thonicke. „Sie wirken als Brandbeschleuniger, oft explodieren die Bäume regelrecht.“ Brennende Teile würden dabei hoch in die Luft geschleudert und vom Wind bis zu zehn Kilometer und mehr weit getragen – dort entstünden dann neue Brände.

Zudem begünstigt die immense Intensität der Feuer ein seltenes Phänomen: sogenannte Pyrocumolonimbus-Wolken, auch Feuerwolken genannt. Aufsteigende Luft reißt Asche- und Rußpartikel mit nach oben. In großer Höhe bilden sich Wolken – mit Wind und Regen, vor allem aber neue Brände entfachenden Blitzen als Folge.

Aus dem heißen Inneren des Kontinents strömten starke Winde mit hoher Geschwindigkeit Richtung Küste und verbreiteten so die Brände.
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Ausmaß von Hitzewellen wird massiv steigen

So leblos und schwarz der Wald nach dem Durchzug einer Feuerwalze aber auch wirken mag: Eukalyptus-Bäume sind an regelmäßige Feuer angepasst. „Sie treiben einfach wieder aus, bei manchen Arten wachsen sogar Blätter direkt aus der verkohlten Krone, als wäre nichts gewesen“, sagte Thonicke. Auch für den Menschen seien langfristig betrachtet weniger die Brände das Problem. „Auch wenn jetzt akut Millionen von schlechter Atemluft und dem Verlust von Hab und Gut betroffen sind – langfristig sind die immer stärker werdenden Hitzewellen das Problem.“

Zwar ist Australien an Hitze gewöhnt, aber deren Ausmaß wird massiv steigen. „Einerseits muss die Infrastruktur daran angepasst werden, andererseits muss die Regierung klimapolitisch umsteuern – weg von der Kohle zum Beispiel.“

Bei den Bränden kamen bisher 26 Menschen ums Leben. Nach der jüngsten Schätzung eines Wissenschafters sind auch mindestens eine Milliarde Tiere gestorben. Die Angaben beziehen sich auf Reptilien, Vögel und Säugetiere – ausgenommen Fledermäuse. Seit Beginn der großen Buschfeuer im Oktober verbrannten mehr als zehn Millionen Hektar Land, das entspricht ungefähr der Größe von Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Mindestens 26 Menschen kamen ums Leben. Am Freitag wollen in Australien Studenten und Klimaaktivisten protestieren.

Im Durchschnitt für den gesamten Kontinent wurden 2019 laut der Wetterforscher Werte von 41,9 Grad in der Spitze registriert worden. Insgesamt sei an elf Tagen die landesweite Tagestemperatur im Sommer auf über 40 Grad gestiegen – „und das ist wirklich ziemlich krass“, sagte Amtschef Braganza. Darüber hinaus sei 2019 „außergewöhnlich wenig Niederschlag“ gemessen worden. Das bisherigen Rekordjahr liegt mehr als 100 Jahre zurück.

Eukalyptusbäume passen sich lautden Forscher an regelmäßige Feuer an, auch wenn sie derzeit schwarz und leblos wirken.
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Katastrophenalarm verlängert

Der Bundesstaat Victoria rief wegen der Buschbrände für zwei weitere Tage den Katastrophenalarm aus. Dort sollen die Feuer noch einmal schlimmer werden. Die Maßnahme erlaubt Behörden und Helfern, zusätzliche Kräfte zu mobilisieren und Evakuierungen durchzusetzen. „Wir haben das gemacht, weil wir glauben, dass es Leben retten wird, und das ist schließlich die wichtigste Sache“, sagte der Premier von Victoria, Daniel Andrews, am Donnerstag.

Der sechs Millionen Einwohner zählende Bundesstaat im Südosten des Landes ist wie das benachbarte New South Wales besonders von den Bränden betroffen. Vergangene Woche wurde das erste Mal in der Geschichte Victorias ein solcher Katastrophenalarm ausgerufen. Er gilt für East Gippsland und den Nordosten des Bundesstaates. Die Bewohner sind aufgerufen, die Feuergebiete zu verlassen. Es soll bis zu 40 Grad heiß werden. Zudem könnte starker Wind die Lage verschärfen.

Das Feuer hat auch für die Känguru-Insel, ein Urlaubsziel im Süden des Landes, verheerende Folgen. Löschhubschrauber flogen über die Insel, auch dort gab es Evakuierungen. „Es ist wirklich schlimm“, sagte der in Adelaide lebende Deutsche Kai Linke. Seine Schwester Katja habe dort vergangenes Wochenende ihr Haus verloren, eine Tierschutz-Station namens „Paul‘s Place“. Viele Tiere wie Emus und die Reptilien seien dabei umgekommen, die Koalas hätten aber überlebt.

Seine Schwester habe 20 Minuten gehabt, um sich in Sicherheit zu bringen, schilderte Linke. Sie habe gerade noch ihren Computer, Hunde, Katzen und ein paar Baby-Kängurus mitnehmen können. Jetzt müsse sie schon wieder ihre Sachen packen. Seinem Schwager als Farmer erging es laut Linke besser als anderen auf der Insel – seine Tiere schafften es. Andere Farmer auf der Insel hätten ihr Vieh nach den Bränden erschießen müssen. (APA/dpa/TT.com)


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