Der falsche Reiseführer für die neue Welt

Innsbrucker Wissenschafter erforschen den berühmten Marco-Polo-Reisebericht, müssen dabei aber schwierige Aufgaben bewältigen.

Mario Klarer begutachtet in der Innsbrucker Kapuzinerbibliothek einen frühen Druck der deutschen Ausgabe des Marco-Polo-Reiseberichts.
© Thomas Boehm / TT

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Christoph Kolumbus hatte einen Lebenstraum: Er wollte einen neuen Seeweg nach Indien erkunden. Also besorgte er sich Marco Polos Reisebericht über Asien, doch es geschah etwas Unvorhersehbares: Er kam nie in Asien an, sondern landete zufällig 1492 auf einem unbekannten Kontinent. Amerika. Kolumbus erlag jedoch einem Trugschluss: Er war von Marco Polos Reisebericht so stark beeinflusst worden, dass er bis zu seinem Tod fest daran glaubte, in Asien gelandet zu sein.

Mario Klarer vom Institut für Amerikastudien der Universität Innsbruck wird sich in den kommenden vier Jahren gemeinsam mit anderen Forschern im Rahmen eines von ihm geleiteten FWF-Projekts mit einem Budget von 406.000 Euro der damals sehr einflussreichen lateinischen Übersetzung des Marco-Polo-Reiseberichts widmen, mit dem Christoph Kolumbus Asien erkunden wollte.

Reproduktion einer Darstellung des Venezianers Marco Polo.
© Thomas Boehm / TT

Klarer: „Diese lateinische Übersetzung, angefertigt von Dominikanermönch Francesco Pipino, war die wichtigste Quelle über den Fernen Osten im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Sie hat die europäische Vorstellung von Asien über Jahrhunderte maßgeblich geprägt. Es überrascht Mario Klarer, „dass dieser zentrale Text nicht als kritische Ausgabe verfügbar ist“.

Die lateinische Fassung des Marco-Polo-Reiseberichts fand durch die Erfindung des Buchdrucks weite Verbreitung und prägte nicht nur das Weltbild des berühmten Entdeckers Christoph Kolumbus nachhaltig. Es ist nachgewiesen, dass Kolumbus den Reisebericht Marco Polos mit seinen eigenen Reiseerfahrungen akribisch abglich, er versah den Reisebericht sogar mit handgeschriebenen Anmerkungen. Klarer sagt dazu: „Kolumbus war schlichtweg mit dem falschen ,Reiseführer‘ unterwegs. Er war überzeugt, etwa Marco Polos asiatische Menschenfresser angetroffen zu haben.“ Klarer ergänzt: „Diese falsche Wahrnehmung prägte das europäische Amerika-Bild für die nächsten Jahrhunderte maßgeblich.“

Fragment der deutschen Ausgabe des Marco-Polo-Reiseberichts.
© Thomas Boehm / TT

Die Forscher müssen in nächster Zeit knifflige Probleme lösen: Der Dominikanermönch Pipino übersetzte die Reiseberichte von Marco Polo nicht Wort für Wort, sondern ergänzte den Text mit Weltanschauungen seiner Zeit. Obendrein schlichen sich sinnstörende Fehler beim Abschreiben ein: aus „crus“ (Bein) wurde zum Beispiel „crux“ (Kreuz). Es gibt außerdem noch eine weitere wissenschaftliche Herausforderung, die es zu bewältigen gilt: Insgesamt existieren nämlich von diesem lateinischen Text 60 Manuskripte. Klarer wird mit seinem Team die ältesten Ausgaben vergleichen und etwa ein halbes Dutzend dieser Manuskripte transkribieren, um sich so der Urform des Marco-Polo-Reiseberichts anzunähern. Am Ende soll eine englische und eine deutsche Übersetzung angefertigt werden. Das Bahnbrechende daran: Die Marco-Polo-Forschung erhält damit erstmals eine solide, einheitliche ­Textbasis.

In der Bibliothek des Innsbrucker Kapuzinerklosters werden übrigens acht fragmentarische Blätter einer seltenen Ausgabe von Marco Polos Reisebericht in deutscher Sprache aufbewahrt. Die Kostbarkeit aus dem Jahr 1477 kam über Umwege nach Innsbruck. Die Fragmente waren ohne Zusammenhang in ein Predigtwerk eingebunden und die einzige Farbabbildung, die Marco Polo darstellt, fehlt. Bibliothekar Manfred Massani erkannte jedoch, dass es sich um ein frühes und damit äußerst rares Werk des Druckers Friedrich Creußner aus Nürnberg handelt. Die Blätter wurden restauriert und stehen nun auch in digitaler Form der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung.


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