Arzt erinnert sich an Haiti-Beben vor zehn Jahren: „Chaos ist der größte Feind“

Zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti, bei dem über 220.000 Menschen starben und mehr als 300.000 verletzt wurden, erinnert sich ein Tiroler Arzt an seinen Einsatz.

Nach dem verheerenden Erdbeben vor zehn Jahren in Haiti war „Ärzte ohne Grenzen“ als eine der ersten Hilfsorganisationen vor Ort.
© Julie Remy

Von Nikolaus Paumgartten

Port-au-Prince, Ramsau –Über 220.000 Tote, mehr als 300.000 Verletzte und etwa 1,2 Millionen Menschen, die von einer Minute auf die andere obdachlos wurden. Andere Schätzungen gehen von noch höheren Opferzahlen aus. Jenes verheerende Beben der Stärke 7, das ganze Städte und Landstriche Haitis dem Erdboden gleichmachte, jährt sich morgen zum zehnten Mal. Rund eineinhalb Wochen nach dem Unglück kam der Tiroler Arzt Christian Schimanek aus Ramsau in die Krisenregion. Für „Ärzte ohne Grenzen“ kümmerte er sich in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Port-au-Prince um die zahllosen Verletzten, die mit gequetschten und zertrümmerten Gliedmaßen eingeliefert wurden.

„Einer der größten Feinde in so einer Situation ist das Chaos“, erinnert sich der Orthopäde mit Schwerpunkt Unfallchirurgie heute an seinen Einsatz zurück. Wie durch ein Wunder war zwar das zentrale Krankenhaus von dem Beben verschont geblieben, doch die fehlende Versorgung mit Wasser und der Mangel an sterilen medizinischen Utensilien bereitete zunächst die größten Probleme. Auch personell waren die Einrichtungen zunächst schlecht besetzt. „Das einheimische medizinische Personal, das das Beben unverletzt überstanden hatte, war damit beschäftigt, zu Hause Familienmitglieder zu versorgen“, so Schimanek. Zwar gelang es „Ärzte ohne Grenzen“ rasch, funktionierende Abläufe zu schaffen und benötigtes Material bereitzustellen, die Erdstöße hatten aber die Menschen schwer traumatisiert. „Die Menschen wollten aus Angst vor Nachbeben nicht in das Gebäude. Sie mussten erst überzeugt werden, dass eine Behandlung nur im Krankenhaus möglich ist“, erzählt der Arzt.

Ihm und seinen Kollegen boten sich dabei schreckliche Bilder. „Es kamen Patienten, die hatten ihre Knochenbrüche mit Zeitungspapier geschient, Menschen mit Infektionen an den Gliedmaßen und stinkenden Verbänden.“ Sie bekamen erst zehn Tage nach dem Beben eine ordentliche Versorgung der Wunden – in vielen Fällen deutlich zu spät. So waren neben dem Gipsen von Gliedmaßen auch schwierige und aufwändige Behandlungen von Knochenmarks-Eiterungen oder auch Amputationen an der Tagesordnung. Drei Wochen lang dauerte Schimaneks Einsatz in Haiti. Ein Engagement, das ihn angesichts der Dimension des Unglücks zwischenzeitlich auch zweifeln ließ. „Da war das Gefühl, dass alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist“, erinnert er sich. Dann aber habe er sich bewusst gemacht, dass jede Behandlung für jeden Einzelnen unglaublich viel wert ist.

„Die Menschen wollten aus Angst vor Nachbeben nicht in das Gebäude.“ Christian Schimanek (Arzt)
© Schimanek

Wer die Initiative „Ärzte ohne Grenzen“ finanziell unterstützen möchte, findet auf der Homepage der Organisation weitere Informationen: www.aerzte-ohne-grenzen.at/spenden

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