Ökologe warnt: Artenverlust in Tirol „dramatisch“

Immer mehr Lebewesen verschwinden aus Tirol, viele sind vom Aussterben bedroht. Um den Verlust der Biodiversität in Österreich zu stoppen, brauche es eine Milliarde und ein Umdenken, sagt Ökologe Johannes Rüdisser.

Einfamilienhäuser, Gewerbeparks, Straßen: Die Versiegelung in Tirol schreitet voran (Im Bild: Mutters, Natters und das Gewerbegebiet Gärberbach).
© Thomas Böhm

Von Nina Werlberger

Innsbruck –Das Artensterben schreitet weltweit rasant voran und auch Tirol ist stark betroffen. Immer mehr Lebensräume für Insekten und Co. verschwinden, die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten wird länger und länger. Der Ökologe Johannes Rüdisser von der Universität Innsbruck erforscht seit Jahren, wie es um die Biodiversität im Land bestellt ist. „Die Situation ist dramatisch“, betont er im TT-Gespräch. „Wenn es uns gelingen soll, das Ruder herumzureißen, dann muss man jetzt gegensteuern.“ Noch sei das nämlich möglich.

Rüdisser ist Experte für Ökosystemforschung und Landschaftsökologie. Er sitzt auch im österreichischen Biodiversitätsrat. Dieser ruft aktuell dazu auf, das Artensterben bis 2030 aufzuhalten. Dafür brauche es eine Milliarde Euro für einen Biodiversitätsfonds und ein Bündel an Maßnahmen.

Der Klimawandel ist in den Köpfen angekommen, das Artensterben nicht. Die Situation ist dramatisch.
Johannes Rüdisser
Johannes Rüdisser (Institut für Ökologie, Uni Innsbruck).
© Universität Innsbruck

Auch in Tirol verschwinden immer mehr Insekten und Vögel, weil Wiesen zubetoniert, Almen aufgelassen und landwirtschaftliche Flächen intensiv bewirtschaftet werden. Das sei nicht nur für das Ökosystem in Tirol ein großes Problem, erklärt Rüdisser. Auch für die Bevölkerung und die Wirtschaft habe es Konsequenzen, wenn gesunde, artenreiche Ökosysteme verschwinden. Zum einen gehen Lebensräume unwiederbringlich verloren. Zum anderen fehlen den Bauern Insekten, die ihre Pflanzen bestäuben. In der Folge drohen „massive Einbußen“ und ein Rückgang bei den landwirtschaftlichen Produkten, warnt Rüdisser. Ein weiterer Effekt ist, dass Wasser durch die voranschreitende Versiegelung der Böden schlechter abfließen kann – und das ist ein großes Problem bei Extremwetter und Hochwasser.

An der Uni Innsbruck wird das Aufkommen von Schmetterlingen systematisch beobachtet.
© Uni Innsbruck

Grundsätzlich sei Österreich zwar „in der luxuriösen Situation, dass wir noch sehr viel Natur haben“, sagt der Experte. In Tirol gebe es jedoch gleich eine „doppelte Dynamik“, welche die biologische Vielfalt bedrohe.

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Weil wenig Fläche vorhanden ist, werden die Wiesen im Tal immer intensiver bewirtschaftet. Zugleich werden immer mehr Almen aufgelassen und verwalden. Wie die Landesstatistik zeigt, sind zwischen 1999 und 2010 die Kulturflächen und hier insbesondere die landwirtschaftlich genützten Flächen deutlich zurückgegangen. Heuer soll es dazu neue Zahlen geben.

Was die Artenvielfalt bedroht, ist vor allem auch die Versiegelung der Böden. 42,9 Prozent aller vorhandenen Bauflächen, Verkehrs-, Abbau- und Freizeitflächen in Tirol sind bereits versiegelt. Nur in Wien und Salzburg sind es laut Daten des Umweltbundesamts noch mehr. Durch die vielen Berge ist in Tirol naturgemäß weniger Fläche nutzbar als in anderen Bundesländern, jedoch werde auch hierzulande nach wie vor überdurchschnittlich viel Raum verbraucht. „Jeder Supermarkt, der einstöckig auf die grüne Wiese gestellt wird, ist ein Verbrechen“, ärgert sich der Ökologe. In Österreich würden täglich knapp zwölf Hektar Boden versiegelt. Verträglich wäre maximal ein Hektar, betont der Experte. Dieses Ziel müsse bis 2030 erreicht werden.

Die Biodiversität leider unter der Versiegelung in Tirol.
© Uni Innsbruck

Bundesweit sind binnen 20 Jahren 42 Prozent der Brutvögel verloren gegangen, etwa jede dritte Art steht auf der Roten Liste. Vier von fünf Arten und Lebensräume sind in einem so genannten „ungünstigen Erhaltungszustand“.

Rüdisser und seine Experten-Kollegen fordern, dass Österreich den Biodiversitäts-Notstand ausrufen, Förderungen für die Bauern anders vergeben und mehr Geld in die Forschung investieren soll. Die derzeitigen Zielsetzungen, Strategien und Gegenmaßnahmen würden „bei Weitem“ nicht ausreichen, um die Biodiversität für die nächsten Generationen zu erhalten. Österreich halte auch die internationalen Verpflichtungen zu einem Monitoring der Lage nicht ein. Hier setzen die Innsbrucker Forscher seit einiger Zeit selbst an und beobachten systematisch das Aufkommen von Tagfaltern.

An der Uni Innsbruck wird das Aufkommen von Schmetterlingen systematisch beobachtet.
© Uni Innsbruck

Der Innsbrucker Ökologe sieht im Rückgang der Biodiversität eine stark unterschätzte Krise. „Der Klimawandel ist in den Köpfen angekommen, das Artensterben nicht.“ Dabei sei die Dimension des Problems absolut vergleichbar mit jener der Klimakatas­trophe. Aktuell würden weltweit um das Tausendfache mehr Arten aussterben als in früheren Zeiten. Es geschieht gerade das sechste große Artensterben der Erdgeschichte. Von den geschätzt acht bis zehn Millionen Arten weltweit droht vermutlich eine Million zu verschwinden. Die letzte vergleichbare Welle war das Ende der Dinosaurier.


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