„Schwere Knochen“: Wiener Weltherrschaft im Kamelhaarmantel

„A schware Partie“: Uraufführung der Bühnenfassung von David Schalkos Roman „Schwere Knochen“ am Volkstheater.

Alles andere als zimperlich: Thomas Frank in der Rolle eines Verbrecherkönigs in der Bühnenversion von „Schwere Knochen“.
© Lupispuma

Wien –Einbruch und Trickbetrug, Stoßspiel und Schwarzmarktgeschäfte, Prostitution und Perversion sind nur ein paar der charmanten Extrazimmer des mächtigen Zinshauses „Wiener Unterwelt“, in denen sich der „Notwehr-Krutzler“ häuslich eingerichtet hat. Der baumlange Hüne mit dem Kamelhaarmantel ist ein fiktiver Wiener Verbrecherkönig der Nachkriegszeit, dessen Vita der Autor David Schalko in seinem 2018 erschienenen Roman „Schwere Knochen“ mit großer Verve wie streckenweise entgleisender Fabulierlust ausbreitet.

In Halle E des Museumsquartiers, der soeben bezogenen Ausweichspielstätte des renovierungsbedingt geschlossenen Volkstheaters, erweckte Regisseur Alexander Charim den Strizzi zum typengerecht brutalen Bühnenleben, auf Basis der Dramatisierung von Anita Augustin.

Thomas Frank schlüpft für leider sehr lange drei Stunden in die Rolle des „Halsstich“-Experten. Im brav dem Roman hinterherhechelnden Erzählgerüst bleibt ihm, dem begabten Komödianten mit Tiefgang, außer derben Splatterszenen wenig Raum, seine Figur plastisch zu entwickeln. Das Ensemble um den „Notwehrspezialisten“ hat alle Hände voll zu tun, um das üppige Personen-Arsenal zwischen KZ-Aufenthalt und Wirtschaftswunder-Ganoventum vorzustellen.

Dabei gelingen doch immer wieder kleine, feine Sequenzen, wenn etwa der Krutzler-Spezi Sikora (Lukas Watzl) mit der Spionin (Lisa-Maria Sommerfeld) einen Nestroy-reifen Dialog über Gesicht versus Visage führt oder Sebastian Pass im verdreckten Rüschenröckchen als geknechtetes Affenfräulein berührt. Recht auf den Putz hauen darf Isabella Knöll als Krutzlers Geliebte „Musch“. Im hektischen Wechsel hin zu Lagerhure, Nonne oder Pensionistin in der Aida-Konditorei gelingt jedoch auch keine dichte Bühnen-Menschwerdung.

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Ein Kettenvorhang markiert die Jahre im KZ, allerlei Versatzstücke vom Sofa bis zur Uhren-bestückten Stellage die Zeit bis zum Ableben Krutzlers in den 1960er Jahren (Ausstattung inklusive Videos: Ivan Bazak). Matthias Jakisics Bühnenmusik untermalt das Geschehen ähnlich einem Film-Score.

Vielleicht wäre Film ja auch das geeignetere Medium, um Schalkos Roman für Lesemuffel aufzubereiten. (lietz)


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