Innsbrucker Ferrarischule: Mit „Pflege-Ferrari“ auf in österreichweites Neuland

Dem evidenten Pflegekräftemangel im Land soll jetzt ein Schulversuch ab 15 Jahren entgegenwirken. Start ist bereits im kommenden Herbst.

Vollzogen gestern mit der Verkündung eines neuen Ausbildungswegs einen bildungspolitischen Schulterschluss: die Landesräte Beate Palfrader (Bildung) und Bernhard Tilg (r.) sowie Manfred Jordan (Ferrarischule), Paul Gappmaier (Bildungsdirektion) und Waltraud Buchberger (AZW; v. l.)
© Mitterwachauer

Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck –Erst am Mittwoch hat die türkis-grüne Bundesregierung in ihrem ersten Ministerrat beschlossen, österreichweit Schulversuche im Bereich der Pflege zu etablieren. Bereits dort sickerte durch, dass ein Standort die Ferrarischule in Innsbruck sein wird, die TT berichtete.

Gestern wurde das fix und fertige Konzept für den mit Herbst und somit im Schuljahr 2020/21 geplanten Start dieses Tiroler Pilotprojektes öffentlich vorgestellt. Wie das derart rasch gehen konnte? Weil das Ganze in Tirol bereits von langer Hand geplant worden war – noch weit bevor Türkis-Grün überhaupt ans Ruder kam. Schon vor rund eineinhalb Jahren, so Bildungslandesrätin Beate Palfrader (VP), habe man in Abstimmung mit Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg in Wien für eine derartige Pflegeausbildung bei den zuständigen Ministerien Druck gemacht. Bereits im November habe man einen diesbezüglichen Antrag gestellt. „Da steckt viel Arbeit dahinter“, meinte Palfrader gestern. Zwar müsse man das formale Prozedere bis zur Genehmigung Mitte März erst durchlaufen, das sei aber nicht mehr als eine notwendige „Formsache“, sagt Palfrader.

Worum geht es? Derzeit kann eine Pflegeausbildung erst ab einem Alter von 17 Jahren begonnen werden. Hauptsächlich, weil die Arbeit am Pflegebett psychisch sehr belastend sein kann. Interessierte standen bis dato vor dem Problem, diese ausbildungstechnische Lücke ab dem Ende der Schulpflicht mit 15 Jahren füllen zu müssen. „Da verlieren wir viele“, merkt Palfrader an. Die gestern präsentierte Kooperation zwischen der Ferrarischule Innsbruck und dem Ausbildungszentrum West (AZW) soll nun diese Lücke schließen. Und zwar mit einer dreieinhalbjährigen Ausbildung an einer „Pflege-Ferrari“. An dieser Fachschule für Sozialberufe (mit Schwerpunkt Gesundheit und Pflege) erhalten Schüler die Ausbildung zur Pflegeassistenz. Pflege-Lehrinhalte werden integriert und durch Lehrpersonal und Mentoren des AZW unterstützt. Zu den 1000 Theoriestunden folgt nach Abschluss der drei Schuljahre und somit erst ab einem Alter von 17 Jahren eine sechsmonatige Praktikumsphase (600 Stunden), sagt Waltraud Buchberger (AZW).

Der Weiterbildungsweg zur Pflegefachassistenz, aber auch zum Pflege-Bachelor sei dann ebenso möglich wie der volle Einstieg ins Berufsleben. Sogar wer sich noch vor dem Praxisteil umorientieren will, kann dies tun. Zumindest hat man nach drei Jahren einen Bürokaufmann-Lehrabschluss in der Tasche, wie Manfred Jordan, Direktor der Ferrarischule bestätigt.

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Geplant ist der Start mit einer Klasse (32 Schüler), Mindestzahl gebe es keine, heißt es. Sollte der Ansturm groß sein, wird eine 2. Klasse angedacht. Anmeldungen sollen bis Anfang April möglich sein.

Bewährt sich der Schulversuch, ist ein Ausrollen auf alle Bezirksstädte Thema. Vorerst entstünden keine Mehrkosten, das Modell sei „aufkommensneutral“. Offen ist noch, ob auch Tirol einen fünfjährigen Schulversuch starten will. Tilg jedenfalls hofft darauf, dass der nun eingeschlagene Weg ein erfolgreicher Beitrag gegen den akuten Pflegepersonalmangel sein wird.

Bei einer klassischen Pflegelehre bleibt man indes skeptisch. Der ständige Vergleich mit der Schweiz hinke, sagt Tilg: „Auch dort sind 15-Jährige zunächst nur mit wirtschaftlichen und nicht pflegerischen Ausbildungsinhalten konfrontiert.“


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