Wie man Salome entpuppt: Zwei Köpfe für Jochanaan

Marlis Petersen überstrahlte eine sonst eher durchwachsene Premiere von Richard Strauss’ „Salome“ im Theater an der Wien.

Ein entrücktes Glanzlicht: Marlis Petersen als Salome. Davor: Johan Reuter, der seine Stimme einer Jochanaan-Puppe lieh.
© Kmetisch/TaW

Von Stefan Musil

Wien –In Wien ist man bei „Salome“ von Richard Strauss nicht gerade verwöhnt. Die Staatsoper holt gelegentlich ihre Klimt-Golddekor-Produktion von 1972 aus dem Fundus. Im Theater an der Wien stieg jetzt Regisseur Nikolaus Habjan in den „Salome“-Ring. Er ist für seine Puppen und Puppenspiel in seinen Inszenierungen bekannt. Dabei wollte er diesmal darauf verzichten, gab dann aber doch Salome ein Puppen-Double in die Hand.

Habjan lässt auch den Propheten Jochanaan als ausgemergelte Puppe aus der Zisterne hochfahren, während sein singender Interpret als graue Figur durch die Szene wandert. Als vom Körper losgelöste Idée fixe umgeistert er Salome. Die schöne, von allen begehrte Prinzessin verschanzt sich am Beginn hinter ihrer Puppe, kann sich erst nach der Begegnung mit Jochanaan „entpuppen“ und von ihrem Bild lösen, das die anderen auf sie projizieren.

Das ist hübsch gedacht, wirkt aber am Ende doch recht aufgesetzt. Auch sonst hat sich Habjan viel überlegt. Es tut sich eine Menge in diesem Hinterhof, mit Zisterne in der Mitte, Festsaal oben und vielen Stiegen und Podesten dazwischen, den ihm Julius Theodor Semmelmann gebaut hat und der so wie die Kostüme von Cedric Mpaka geschickt zwischen orientalisch angehauchtem Art Déco und Heute changiert.

Am Ende ist es aber die Salome der Marlis Petersen, die den Abend grandios trägt, schauspielerisch wie auch sängerisch, als ganz gegen das dramatische Rollenbild besetzte, leuchtend lyrische, ausdrucksstarke und überzeugende Figur. Sie ist zunächst das Prinzesschen im Rüschenkleid, das sich hinter der von ihr bewegten Puppe versteckt, bis sie als selbstbewusst gelöste Kindfrau den Kopf des Propheten, den Johan Reuter kraftvoll, aber etwas eindimensional gibt, fordert. Nachdem sie für Herodes, John Daszak grölt ihn mit expressivem Hochdruck mehr, als er ihn singt, getanzt hat.

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Diesen Schleiertanz macht Habjan zum Geschlechtsakt. Petersen, nur noch im Unterhemd, tanzt tatsächlich und grandios, wird von Tänzern herumgetragen, landet am Ende auf dem am Rücken liegenden Herodes, greift noch einmal zur Puppe und drückt sie ihm auf den Leib. Am Ende, in einem intensiven Schlussgesang, liebkost sie entrückt und blutbesudelt den Kopf Jochanaans. Erschlagen wird sie dafür diesmal nicht. Auch wenn Leo Hussain am Pult des engagiert mitgehenden ORF Radio-Symphonie Orchester Wien gerne mächtig aufdreht.

Dabei hat man eine von Eberhard Kloke neu orchestrierte, reduzierte Orchesterfassung gewählt, die gegen Strauss nur verlieren kann. Aus dem übrigen Ensemble stechen Martin Mitterrutzner als schön lyrischer Narraboth und Kristján Jóhannesson als markanter Erster Nazarener heraus. Michaela Schuster bleibt dagegen der Herodias ein wenig die Femme fatale schuldig. Aber am Ende stand ohnehin Marlis Petersen als leuchtender Stern im lauten Jubel.


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