414 Schüler lernen separat Deutsch, Kritik an Kopftuchverbot

Die separaten Deutschförderklassen bleiben erhalten. 31 wurden für dieses Schuljahr in Tirol eingerichtet. 414 der insgesamt 92.830 Schüler werden dort unterrichtet. Landesrätin Palfrader kritisiert das Kopftuchverbot.

An Volksschulen dürfen Kinder seit Herbst kein Kopftuch mehr tragen. Die symbolträchtige Maßnahme gilt unter Türkis-Grün weiter. (Symbolbild)
© iStock

Von Anita Heubacher

Innsbruck – Wie Kinder mit Sprachdefiziten am besten Deutsch lernen, ist sowohl politisch als auch wissenschaftlich umstritten. Der alte und der neue ÖVP-Bildungsminister Heinz Fassmann will jedenfalls die separaten Deutschförderklassen fortführen und ist für eine Ausweitung des Kopftuchverbotes bis 14 Jahre. Beide symbolträchtigen Maßnahmen wurden von Türkis-Blau ersonnen und jetzt von Türkis-Grün übernommen .

In Tirol mag ÖVP-Bildungslandesrätin Beate Palfrader nicht alles mittragen. Sie kritisiert das Kopftuchverbot an Volksschulen und lehnt eine Ausweitung ab. Mehr abgewinnen kann sie Fassmanns Deutschförderklassen. Man habe damit gute Erfahrungen gemacht, meint sie.

ÖVP-Landesrätin Palfrader will das Kopftuchverbot nicht ausweiten.
© Thomas Boehm / TT

In Innsbruck, wo der größte Anteil der separat geförderten Schüler sitzt, ist SPÖ-Bildungsstadträtin Elisabeth Mayr ganz anderer Meinung. „Durch die Separation verlieren Kinder oft wertvolle Jahre zum Spracherwerb.“ Rot und Grün in der Stadt sind beide keine Freunde der separaten Deutschförderklassen. Beide Parteien ziehen den integrativen Unterricht vor. Mayr hofft auf den im türkis-grünen Koalitionspapier vereinbarten Spielraum für Schulen. „Wir werden sehen, ob das ein leeres Versprechen ist oder nicht.“

Die Schulleitungen in Tirol richteten, dem Gesetz folgend, 31 separate Deutschförderklassen ein: 25 davon an Volksschulen, vier an Neuen Mittelschulen, eine an einer Polytechnischen Schule und eine an einem Gymnasium. Die 414 Schüler wurden aufgrund eines Tests den separaten Deutschklassen zugeteilt. Im Herbst sei der Test das erste Mal angewendet worden, erzählt Mayr. „Er bleibt umstritten und ist nicht treffsicher.“

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Das sieht Palfrader anders. Der Test sei nach standardisierten und wissenschaftlich evaluierten Kriterien erstellt worden. „Er bildet die Sprachkenntnisse objektiv ab.“ Im Lauf des Schuljahres werden die Schüler erneut getestet. Bei ausreichendem Lernfortschritt können sie in die Regelklasse wechseln.

Durch die Separation verlieren Kinder oft wertvolle Jahre zum Spracherwerb.
Elisabeth Mayr, SPÖ (Bildungsstadträtin Innsbruck)

An den Volksschulen werden in Deutschförderklassen 15 Stunden pro Woche unterrichtet. An den Neuen Mittelschulen und AHS sind es 20 Wochenstunden. Wie viel die separaten Deutschklassen kosten, kann Palfrader nicht beziffern. „Die Personalkosten hängen von den eingesetzten Lehrpersonen und deren Gehaltsstufen ab.“ Der Unterricht findet in den regulären Räumlichkeiten der jeweiligen Schule statt.

Gar nicht abschätzen lässt sich laut Palfrader, wie viele Schüler von einer Ausweitung des Kopftuchverbots betroffen wären. In den Volksschulen, wo das Verbot bereits gilt, spricht sie von Einzelfällen. In nur einem Fall habe die Schulleitung das Gespräch mit den Eltern des betroffenen Mädchens suchen müssen. Auch dieser Fall sei gütlich geregelt worden. Wenn die Ausweitung kommt und Schülerinnen bis 14 Jahre kein Kopftuch an der Schule tragen dürfen, selbst dann sei davon auszugehen, „dass die Zahl gering sein wird“.

Mit dem Kopftuchverbot schwer tut sich die SPÖ. „Es ist schwierig zu bewerten, ob es ein religiöses oder patriarchales Verbot ist“, sagt Mayr. In Innsbruck hätten einige Mädchen an Volksschulen Kopftuch getragen. Alle Fälle seien gut gelöst worden, erzählt die Bildungsstadträtin. Eine Ausweitung lehnt Mayr ab. Sie fürchtet einen höheren Betroffenheitsgrad. „An den Neuen Mittelschulen in Innsbruck ist das Kopftuch sehr verbreitet.“

Bilanz in Tirol

Kopftuchverbot: Es gilt seit dem heurigen Schuljahr an Volksschulen. ÖVP-Chef Kurz und die neue Integrationsministerin Raab wollen es von zehn auf 14 Jahre und auf Lehrerinnen ausdehnen. Letzteres lehnen die Grünen ab.

Fazit: Volksschülerinnen, die Kopftuch tragen, sind in Tirol die absolute Ausnahme. In einem Fall wurde bis dato interveniert.

Deutschklassen: Im Schuljahr 2019/20 sind in Tirol 31 Deutschförderklassen eingerichtet worden. 25 davon an Volksschulen, vier an Neuen Mittelschulen, eine an einer Polytechnischen Schule und eine an einem Gymnasium. Insgesamt werden in den Deutschförderklassen 414 Schüler unterrichtet. 92.830 Schüler gibt es in Tirol.


Kommentieren


Schlagworte