Kitz-Rekordsieger Anderl Molterer: „Den Hirscher kennt bei uns keiner“

Anderl Molterer (88), mit neun Erfolgen bis heute Rekordsieger in Kitzbühel, ist zum 80-Jahr-Jubiläum der Hahnenkamm-Rennen aus den USA in seine Heimatstadt gereist – und erinnert sich an vergangene Zeiten.

Vor drei Jahren war Anderl Molterer – damals 85 – noch beim Charity Race mit von der Partie. Und hatte sichtlich seinen Spaß.
© gepa/klansek

Von Max Ischia

Kitzbühel – „Preisgeld? Sachpreise?“ Anderl Molterer schüttelt verdutzt den Kopf: „Einen Schulterklopfer hat’s gegeben, sonst nix“, sagt der Mann, der in den Fünfzigern auf der Streif und am Ganslernhang neun Erfolge (2 Abfahrten/3 Slaloms/4 Kombinationen) eingefahren hat und sich bis heute Hahnenkamm-Rekordsieger nennen darf. Darauf sei der heute 88-Jährige schon stolz, aber vergleichen wolle er nichts. „Es waren ganz andere ­Zeiten.“

Zeiten, in denen die Athleten noch selbst Hand an ihre Holzlatten legten. „Jeder hat selber gewachselt daheim, ganz geheim, mit Bügeleisen.“ Und wenn er beispielsweise in die Schweiz oder nach Frankreich gereist ist, dann hat Molterer am Schattberg seine drei Paar Ski geschultert und sich mit dem Koffer Richtung Bahnhof aufgemacht. „Da hat uns keiner geholfen.“

Bei seinem letzten Kitzbühel-Triumph 1959, als der „Weiße Blitz von Kitz“ den Slalom und die Kombination gewann, wurden die Rennen erstmals im Österreichischen Rundfunk übertragen – mit vier Kameras.

Inzwischen haben sich die Hahnenkammrennen zum TV-Spektakel ausgewachsen. Dafür werden 50 Kilometer Kabel verlegt und an die 40 Kameras versuchen jedes noch so kleine Detail einzufangen. Darunter Superzeitlupenkameras, die bis zu 2500 Bilder pro Sekunde aufnehmen. Die Zuschauer danken es. In Österreich saßen 2019 bei den Live-Übertragungen ingesamt 3,52 Millionen Menschen vor den TV-Geräten, weltweit waren es live über 40 Millionen in mehr als 100 Ländern. Darunter die USA mit Nashville/Tennessee, der nunmehrigen Heimat von Molterer, der in den Sechzigern auswanderte: erst als Profi, dann als Ski-Pionier in Montana und Aspen. Das letzte Mal auf Ski gestanden ist Molterer vor drei Jahren „hier in Kitzbühel beim Charity Race. Zuhause gibt es halt keine Berge, und wenn du nicht jedes Jahr auf den Brettln stehst, musst du es irgendwann einmal lassen.“ Oder wie es Karl Koller, erster Hahnenkammsieger der Nachkriegszeit (1946), einmal formulierte: „Wenn der Wind beim Fahren nicht mehr so richtig um die Ohren pfeift, dann ist es an der Zeit, von der Piste zu verschwinden.“

Vom schwarzen Blitz, einem Kaiser aus Kärnten und einem aus Schweden, zwei ewigen Rivalen und einem König aus der Schweiz

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Der König von Kitz: Bei seiner ersten Trainingsfahrt hatte er acht Sekunden Verspätung. Über die Jahre schwang sich Didier Cuche mit fünf Abfahrtssiegen auf der Streif zum „König von Kitz“ auf. Klar, dass er in der Gamsstadt auch seinen Rücktritt bekanntgab.

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Der Superstar: Toni Sailer, der Inbegriff des Kitzbüheler Ski-Sports. Der Jahrhundert-Sportler, dreifache Olympiasieger und siebenfache Weltmeister machte auch als Schauspieler und Sänger Karriere. Von 1986 bis 2006 war er Rennleiter am Hahnenkamm.

© Schaadfoto/Werek

Der Kaiser: Spätestens mit seinem Olympiasieg 1976 wurde Franz Klammer zum Volkshelden. Nach seinem viertem und letztem Streif-Sieg brachen alle Dämme, die Zäune im Zielraum wurden niedergetreten. Ein Jahr später dankte der „Kaiser“ ab.

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„Mei der Karli, das war a Super-Guy“, erinnert sich Molterer an Koller, der im November im 101. Lebensjahr verstarb. „Ein toller Skifahrer und ein echter Pionier. Die Kurzski hat er erfunden. Damals hab’ ich zu ihm gesagt, dass das Graffel nie funktionieren wird – und heute fährt jeder im Slalom auf Kurzski.“

Molterer ist erstmals seit drei Jahren wieder in Kitzbühel, „meiner Heimat“, wie er versichert. „Ich bin so viel in der Welt herumgekommen, aber nirgends ist es schöner als hier.“ Warum er denn nicht in seine geliebte Gamsstadt zurückgekehrt sei? „I hab halt a netts Mädl kennen gelernt. So ist das im Leben.“

Den Ski-Weltcup verfolgt er maximal am Rande. Manchmal, aber nur manchmal, gebe es einen „little Ausschnitt“ in der Zeitung oder einen kleinen Beitrag im Fernsehen, mehr nicht. Dass Marcel Hirscher im Herbst die Rennlatten für immer ins Kellereck verbannt hat, wusste Molterer nicht – und hielt vielsagend fest: „Den Hirscher kennt bei uns keiner.“

Der Frage, ob er jemandem am Wochenende die Daumen drücke, weicht der rüstige Pensionist aus: „Der Beste soll gewinnen. Das war früher auch so.“ Mit dem feinen Unterschied, dass auf den Abfahrtssieger am Samstag ein 100.000-Euro-Scheck wartet.


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