Umjubelter Auftakt für 50 Kulturjahre in Lienz

Im Jänner des Jahres 1970 lud man zu einer Eröffnungswoche in den neuen Stadtsaal in Lienz. Josef Haydns Schöpfung wurde groß aufgeführt, es gab Theatervorstellungen und eine umjubelte Schlagerparade.

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Die nüchterne Fassade des Stadtsaales in den Tagen vor der Eröffnung. Heute verweist nur noch eine vergleichsweise kleine Aufschrift auf den Eingang des Veranstaltungshauses.
© Dina Mariner Lienz

Von Peter Unterweger

Lienz –Im Jänner vor 50 Jahren wurde die Eröffnung des Lienzer Stadtsaales mit einem Reigen von Veranstaltungen zelebriert. Die große Bühne beflügelte das Lienzer Kulturleben. Nun waren Aufführungen möglich, die vorher aus Platzgründen nicht durchgeführt werden konnten. In der Eröffnungswoche zogen die Kulturverantwortlichen alle Register. Alle Veranstaltungen waren ausverkauft, meldete das Kulturamt.

Den Festakt zur offiziellen Eröffnung am Samstag, 10. Jänner 1970, umrahmten der Lienzer Kammerchor unter Leitung von Arthur Gutwenge­r und Bläser der Lienzer Musikschule, dirigiert von Helmut Micheler. Bischof Paulus Rusch segnete die neue Kulturstätte, Kulturreferent Paul Unterweger verfasste und sprach den Prolog, Bürgermeister Hubert Huber begrüßte die hohen Gäst­e, angeführt von den Tiroler und Südtiroler Kulturlandesräten Fritz Prior und Anton Zelger.

Ernst Grissemann (l.) moderierte mit Rudi Klausnitzer (r.) die Schlagerparade. Sänger Peter Rubin überragte die beiden deutlich.
© Dina Mariner

Das Tiroler Landestheater führte tags darauf die Operett­e „Wiener Blut“ von Johann Strauß auf. Zwei Tage später stand ein großes Oratorium auf dem Programm: Das Lienze­r Stadtorchester und die Vereinigten Chöre Inniche­n – Lienz boten mit Solisten der Wiener Volksoper die Schöpfung von Joseph Haydn. Beim Ball der Stadt Lienz tanzten die betuchten Gäste in den nobelsten Abendroben auf. Vorher war der Alpenraute-Saal in der Rosengasse der beliebteste Ort für Bälle, ab nun lockte der vornehme Rahmen des Stadtsaales zum Tanzvergnüge­n.

Für das jugendliche Publikum war die Schlagerparade ein besonderer Höhepunkt. Vorher mussten Freunde der Popmusik in die alte Viehversteigerungshalle pilgern. Wo sonst Landwirte ihre Rinder und Schafe durch die Arena führten, rockten die Bands. Die Fans hockten auf den Holzbänken des steil aufsteigenden Rondells. Im neuen Stadtsaal war das anders: Nun konnten sich die Zuschauer in kommoder Atmosphäre an diesem amüsanten Unterhaltungsabend in die Welt des Schlagers verführen lassen. Das Konzert moderierten Ernst Grissemann und Rudi Klausnitzer vom Österreichischen Rundfunk. Auf der Bühne standen die Milestones, die Sängerinnen Marika Lichter und Brigitt Petr­y und der mit zwei Metern „Länge“ größte deutsche Schlagersänger Peter Rubin. Die damaligen Akteure starteten größtenteils erfolgreich­e Karieren.

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Die Milestones mit Sängerin Brigitte Neundlinger traten auf.
© Dina Mariner

„Tempi passati!“ Mit diesem Ausruf leitet auch Ernst Grissemann seine Rückblend­e auf seinen souveränen Auftritt in der Schlagerparade ein. Der Moderator des Abends war gerade erst Chef von Ö3 geworden, von 1979 bis 1990 war er dann ORF-Hörfunk-Intendant. „An die Eröffnungsveranstaltung des Lienzer Stadtsaals 1970 erinnere ich mich noch sehr ausführlich.“ Nach Lienz war Grissemann schon in den Jahren vor der Stadtsaaleröffnung regelmäßig gekommen. Bei der Radio-Quizserie „Alle Neune“ vertrat Lienz das Bundesland Tirol. Gesendet wurde live aus einem Kino. Sprecher war Grissemann. „Und ja, natürlich erinnere ich mich an ,Alle Neune‘ im Wanner-Kino. Der Kultur­referent und ein sehr lustiger und sehr beschlagener Gymnasialprofessor haben damals die ganze Stadt zum Mitmachen animiert.“ Das Lob geht an zwei Professoren des Lienzer Gymnasiums, Paul Unterweger und Franz Zollner.

Zur Schlagerparade hatte Grissemann damals den Ö3-Weckermann Rudi Klausnitzer mitgebracht, der ihm später als Ö3-Chef folgte. Er hatte die Aufgabe mit einem Quiz für lockere Stimmung zu sorgen. Drei Damen und drei Herren aus dem Publikum hatten eine Reihe von Aufgaben zur Belustigung der Zuschauer zu absolvieren. Im Finale musste eine Kandidatin in angemessener Zeit einen Feuerwehrmann in Uniform auf der Bühne präsentieren, der Gegenkandidat eine Krankenschwester in Berufskleidung auftreiben. In Zeiten ohne Handy (!) kein­e ganz einfache Aufgabe.

© Stadt Lienz, Mahl Druck

Ein Schlagersternchen glänzte dann im Rampenlicht des Stadtsaales: Marika Lichter. Die 19-jährige Nachwuchssängerin brachte mit ihrem Siegertitel des Schlagerfestivals von Rio de Janeir­o „Luciana“ den Saal zum Kochen. „Nein, wie lustig!“, schallt es aus dem Mund von Marika Lichter auf die Frage nach ihren Erinnerungen in Lienz. „Das war die Zeit, als ich noch am Konservatorium in Wien Operngesang studiert habe, aber auch als Schlagersängerin Karriere machte.“

Die Gruppe Milestones trat in der Original-Besetzung mit Sängerin Brigitte Neundlinger auf. Gerade erst hatte das Quartett die „Show Chance“ gewonnen und war äußerst populär in Österreich. Zwei Jahre später vertraten die Milestones Österreich beim Eurovision Song Contest in Schottland. Dem groß gewachsenen deutschen Sänger Peter Rubin flogen auf der Bühne des Lienzer Stadtsaales einige Blumensträuße zu.

Geplant wurde der Saal von der Architektengemeinschaft Buchrainer, Cede, Scherzer und Thielmann. Bauherr war die Raiffeisen Bezirkskasse Lienz. Die Stadt Lienz leistet­e 5,8 Mio. Euro von den 14 Millionen Schilling Baukosten und finanzierte die Bühnen­einrichtung um 1,9 Mio. Schilling.


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