Denifl: „Sport ist eine Show, wir sind die Kasperl der Nation“

Der Prozess wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs gegen Ex-Radprofi Stefan Denifl wurde am Montag vertagt. Teamchefs sollen befragt werden.

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Der Blick schweift in die Ferne – die Zukunft von Ex-Radprofi Stefan Denifl ist vorerst ungewiss.
© Thomas Boehm / TT

Von Florian Madl und Reinhard Fellner

Innsbruck –Die Anspannung war am Montag am Landesgericht vor Prozessbeginn greifbar. Denn aufgrund der mit 591.174 Euro bezifferten Schadenshöhe (Löhne, Preisgelder) wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs hob sich der Dopingfall Stefan Denifl von jenen der vor ihm verurteilten Langläufer ab: Max Hauke, Dominik Baldauf und Johannes Dürr kamen allesamt mit bedingten Haftstrafen bzw. geringfügigen Geldstrafen davon.

„Ich kann nicht zuschauen, wie man einen jungen Menschen zum Schwerverbrecher abstempelt – da gehe ich bis zur letzten Instanz“, meinte sein Verteidiger Wilfried Plattner angesichts des Strafrahmens von bis zu zehn Jahren in seinem Plädoyer, bevor die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt wurde. Man wolle wissen, ob sich Denifls Ex-Teamchefs nun als Geschädigte sehen. „Anzeigen oder Rückforderungen gab es keine, Einvernahmen auch nicht – und das ist bei einem Fall wie diesem üblich.“ Allfällige Aussagen werden wohl über Rechtshilfe bei französischen Gerichten erfolgen, ein Präzedenzfall wäre der Prozess somit aber allemal.

Anhand von Denifl könnte nun erstmals höchstgerichtlich geklärt werden, ob bei Doping im Mannschaftssport (kein individuelles Sponsoring, volle Erfüllung des Vertrages, keine öffentlichen Zuwendungen) überhaupt jemandem ein Schaden entsteht. Und ohne Schaden gibt es laut Strafgesetzbuch eben auch keinen Betrug.

Staatsanwalt Dieter Albert wiederum hielt nichts von „rechtsphilosophischen Gedanken“ – allein die Schadenshöhe lasse keine Diversion wie im Fall der Zweitangeklagten zu, die für geringe Beihilfe zum Doping und Mitwisserschaft nur 300 Euro diversionelle Pauschalgebühren berappen muss.

Doch wie reagierte Radprofi Stefan Denifl, der strahlende Sieger der Österreich-Radrundfahrt 2017 und Gewinner einer Vuelta-Etappe im selben Jahr, darauf?

Im Beisein seiner Familie im Publikum zunächst gefasst. Als Codename „No Name“ wurde der Stubaier beim deutschen Dopingarzt Mark S. geführt, bei dem die Drähte nach dem Seefelder Dopingskandal zusammenliefen. Als „Verrückter“ sei er von einer Doping-Gehilfin tituliert worden – aufgrund seiner panischen Angst vor Nadeln. Sein Dopingvergehen stellte Denifl nie in Frage, den Betrugsvorsatz schon: „Ich bin kein Verbrecher“, wehrte sich der 32-Jährige gegen die Pauschalverurteilung:

  • „Ich bin schuldig im Sinne des Dopings, aber nicht schuldig im Sinne des Betrugs.“ (zur Schuldfrage)
  • „Ich habe ausgesagt. Aber ein Beamter drohte, dass mein einjähriger Sohn in Untersuchungshaft kommt.“ (zu Umständen seiner Aussage)
  • „Alles wird auf die Sportler abgewälzt.“ (zur Situation)
  • „Ich habe mein ganzes Leben in den Sport investiert. Aber im Nachhinein würde ich kein Radsportler mehr werden wollen.“ (zu seinen Beweggründen)
  • „Ich bin am Ende der Nahrungskette.“ (zur Fahrer-Rolle in der Radsport-Szene)
  • „Sport ist eine Show, wir sind die Kasperl der Nation.“ (zur Rolle der Athleten in der Öffentlichkeit)
  • „Ich gab mehr Geld für Nahrungsergänzungsmittel als für Doping aus.“ (zur Frage nach den Kosten)
  • „Ich habe das von anderen Fahrern mitbekommen.“ (zur Kontaktaufnahme mit dem deutschen Arzt)
  • „Es gibt Länder, in denen das anders gehandhabt wird.“ (zur unterschiedlichen Rechtslage, etwa in Spanien)
  • „Über Preisgelder kann man diskutieren, das andere ist ein Arbeitsvertrag.“ (zur Rückzahlung der Gelder)
  • „Ich denke, dass mich die Teams auch eingestellt hätten, wenn ich gesagt hätte, dass ich dope. Ich wurde aber nicht gefragt.“ (zu den Vertragsgesprächen)
  • „Ich bin fertig, jetzt werde ich auch noch angeklagt.“ (warum er zur Dopingsperre noch ein strafrechtliches Verfahren bekommt)
  • „Das war Sache des Managers. Wir hatten wenig Englisch in der Schule.“ (zur Frage, ob er seine Verträge nicht genau gelesen habe)

Zwischenzeitlich war Stefan Denifl den Tränen nahe, das System Radsport habe zur jetzigen Misere geführt. „Dass es so läuft (Doping, Anm.), wusste ich vorher schon. Aber ich tat es nicht gerne.“ Einer der Beweggründe sei seine Knieverletzung gewesen. Daraufhin wollte er den Anschluss nicht verlieren.

Am Montag wurde dann auch noch ein Krida-Verfahren eröffnet. Denifl hatte Gelder von einem 112.000-Euro-Konto behoben, dessen Existenz er erst verschwiegen hatte. Auch dazu gilt die Unschuldsvermutung.


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