Aus Angst vor dem Vergessen: Ausstellung im Kunsthaus Bregenz

In ihrer alle vier Geschoße des Kunsthaus Bregenz vereinnahmenden Installation „Kind Kingdom“ inszeniert die junge texanische Künstlerin Bunny Rogers u. a. ihr eigenes Grab.

Das erste Obergeschoß des Bregenzer Kunsthauses hat Bunny Rogers in ein trostloses, mit Müll überhäuftes Schlachtfeld verwandelt.
© Markus Tretter

Von Edith Schlocker

Bregenz – Das Kunsthaus Bregenz entwickelt sich in der Ära von Thomas D. Trummer immer mehr zu einem singulären Spielort der Kunst. Indem er KünstlerInnen einlädt, für das Haus maßgeschneiderte Interventionen zu entwickeln, die schon allein ihrer formalen Extravaganz wegen nur in den seltensten Fällen weiterwandern könnten. Weshalb der Sager des Hausherrn „Wenn Sie’s nicht gesehen haben, haben Sie’s versäumt“ durchaus seine Richtigkeit hat.

Peter Zumthors kühle architektonische Hülle aus Sichtbeton und Licht lässt künstlerische Verrücktheiten diverser Art zu, aktuell die Verwandlung des Hauses durch die texanische Künstlerin Bunny Rogers in einen Friedhof. Zelebriert auf allen vier Geschoßen des Kunsthauses in ganz unterschiedlichen Spielarten.

Im Foyer inszeniert die 30-Jährige ihr eigenes Grab. Ihr neben dem Grabhügel auf einem Stativ stehendes, von einem opulenten Goldrahmen umfasstes Porträt hat die Künstlerin selbst gemalt. Auf und neben dem aus frischer Erde aufgeschütteten Grab liegen opulent aus Rosen geflochtene Kränze und Schokoladeherzen. Das Rasenfeld, auf dem das Grab liegt, ist saftig grün und wird bewohnt von Glühwürmchen, die in dem nächtlich anmutenden Ambiente romantisch blinken.

Dass sich eine so junge Künstlerin mit dem Tod, und noch dazu dem eigenen, so intensiv auseinandersetzt, mag gerade in einer Zeit, in der die Gedanken über ein Danach tunlichst ausgeblendet werden, erstaunen. Anders Bunny Rogers, die gesteht, große Angst vor dem Vergessen zu haben, weshalb sie Beerdigungen und Friedhöfe liebe, den Umgang mit dem Tod in den unterschiedlichsten Kulturen. Um für Bregenz seltsame begehbare Bilder zu erfinden, die durchaus von konkreten Ereignissen inspiriert sind: der Massenhysterie rund um Lady Dianas Tod oder dem 13 Todesopfer fordernden Amoklauf eines 18-Jährigen 1999 in der Columbine High School.

Während das Grab im Fo­yer ganz frisch zu sein scheint, ist das im ersten Obergeschoß aufgeschüttete letztlich ein Müllhaufen. Das noch immer grüne Rasenstück ist übersät mit Essensresten, verschmierten Papiertellern, zerknüllten Dosen, leeren Flaschen und zerplatzten Luftballons. Einen kleinen Hauch von Poesie verströmen allein die am Rasen verstreuten dunkelblau gefärbten Rosen. Ratlosigkeit macht sich angesichts dieses morbiden Schlachtfelds breit, inspiriert als eigenartiges Memento mori vielleicht vom Setting nach dem heavy drinking angesichts des Todes eines jungen Menschen.

Voller Geheimnisse kommt auch Bunny Rogers „Friedhof“ einen Stock höher daher. Der bestückt ist mit größeren und kleineren Zementstelen, in die Rosen eingegossen sind. Die sich in den unterschiedlichen Phasen des Zerfalls befinden, was wohl den modrigen Geruch in dieser Etage erklärt. Hartes und Weiches, Organisches und Anorganisches, Lebendiges und Totes gehen in diesen formal klar definierten skulpturalen Gebilden eine eigenartig berührende Symbiose ein. Aufgestellt in einer Anordnung, die an archaische Steinkreise erinnert, vage umzäunt allerdings von sehr heutigen Absperrgittern, in die graue und weiße Bänder verflochten sind.

Vielleicht um das Abwaschen von Trauergefühlen geht es im dritten Obergeschoß. Decke und Wände sind hier komplett verfliest, u. a. in der Form eines riesigen blauen Schneekristalls im Zentrum. Aus unter der Decke montierten Duschköpfen tröpfelt kontinuierlich heißes Wasser. Was die Atmosphäre dampfig schwül macht und den vom Ausstellungsbesucher begangenen Boden rutschig. Da hilft auch der große Mopp nichts, der in der hinteren Ecke des Raums steht und laut Trummer das einzige Objekt der Ausstellung von Bunny Rogers in Bregenz ist, das nicht speziell für die Schau gemacht wurde.


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