Heinz Faßmann: „Wir müssen bei Vereinen genauer schauen“

ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann erläutert das Nein zum Flüchtlings-Rollenspiel und will Ethisches auch im Religionsunterricht.

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Ressortchef Faßmann befindet: „In einer pluralistischen Gesellschaft ist eine gemeinsame ethische Fundierung sinnvoll.“
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Die türkis-grüne Regierung hält am Ethikunterricht-Modell von Türkis-Blau fest: nur für jene Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen oder ohne Bekenntnis sind. Die Grünen wollten bisher ein Pflichtfach Ethik für alle Schüler. Sie finden Ethikunterricht ja auch gut. Warum wird es ihn nicht für alle geben?

Heinz Faßmann: Es ist meine Konzeption gewesen, Ethikunterricht als alternatives Pflichtfach einzuführen. In einer pluralistischen Gesellschaft ist eine gemeinsame ethische Fundierung sinnvoll. Ich habe mir daher nicht nur die Lehrpläne des Religionsunterrichts aller angesehen, ich werde auch mit den Religionsgemeinschaften reden, um einen gemeinsamen ethischen Überlappungsbereich zu definieren. Damit Schüler, die in den Religionsunterricht gehen, und Schüler im Ethikunterricht über ethische Zugangsweisen und Grundbegriffe Bescheid wissen.

Soll also auch im Religionsunterricht Ethisches vermittelt werden?

Faßmann: Ja. Es stehen schon heute ethische Themen im Lehrplan, aber manchmal mit einer anderen Phrasierung.

Dann müsste man ja nichts tun. Oder machen es die Religionslehrer nicht?

Faßmann: Wir müssen Ethisches durchgängig fixieren. Beispiel Natur: Ethisches Handeln mit der Schöpfung kommt in unterschiedlicher Konnotation überall vor. Ich hätte gern einen gemeinsamen Bereich, damit man ethisches Verhalten mit der Natur, Umweltbewusstsein und die Endlichkeit von Ressourcen auch lehrt.

Wird das festgeschrieben?

Faßmann: Die Religionsgemeinschaften sind in der Lehrplangestaltung autonom. Ich hätte hier aber gerne Einverständnis erzielt.

Zum Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 Jahre: Die Tiroler ÖVP-Landesrätin Beate Palfrader hat keine Freude damit. Es gebe Wichtigeres. Gibt es das bildungspolitisch nicht tatsächlich?

Faßmann: Ich habe mit der Frau Landesrätin gesprochen. Sie sagt, in Tirol sei es quantitativ nicht die vordringlichste Sache, aber sie unterstützt diese Maßnahme, die eine zur Emanzipation ist. Wir haben im Kern unseres Bildungsauftrages die kritische Reflexion von Traditionen, den emanzipativen Gedanken. Das gilt auch für Kleidungsvorschriften. Es ist sinnvoll, Mädchen nicht sofort in eine traditionelle Rolle zu drängen, sondern ihnen Freiraum zu offerieren. Die Schule soll diesen Freiraum des Denkens, aber auch des Handelns haben.

ÖVP-Integrationsministerin Susanne Raab sagte, in einem nächsten Schritt solle es ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen geben. Was halten Sie davon?

Faßmann: Im Regierungsprogramm ist ein Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 Jahre verankert. Dieser Schritt wird jetzt gesetzt.

Warum wurde Susanne Wiesinger als Ombudsfrau des Ministeriums freigestellt? Ist es okay, wenn sie ein Buch über den Islam in Schulen schreibt, aber nicht in Ordnung, wenn sie parteipolitischen Einfluss auf die Schulen kritisiert?

Faßmann: Frau Wiesinger hat mir gesagt, sie möchte gerne in die Schule zurück. Wir haben uns daher einvernehmlich darauf geeinigt. Das ist keine Bestrafungsaktion, sondern eine Ermöglichung.

Es wird kritisiert, dass Wiesinger eine Beraterin bekommen hat und diese 46.200 Euro Honorar erhalten hat. Gibt es keine Expertise im Ministerium?

Faßmann: Frau Wiesinger wollte ein höheres Maß an Unabhängigkeit vom Haus haben. Daher ist es folgerichtig, jemanden zu nehmen, der von außen kommt, nicht in die dienstrechtliche Hierarchie im Haus eingebunden ist.

Wie rechtfertigen Sie einem Geringverdienenden gegenüber diese Summe?

Faßmann: Hier ist ein marktüblicher Preis bezahlt worden. Wenn ich den Betrag durch die Dauer – 15 Monate – dividiere, komme ich auf ein übliches Monatsentgelt.

Ein Theaterverein hat an einer Wiener AHS ein Rollenspiel mit Schülern aufgeführt, bei dem sie erleben sollen, was Migration bedeutet. Sie werden kritisiert, weil Sie die Sache gestoppt haben – wegen Berichterstattung darüber im Boulevard. Die Direktorin spricht hingegen von positivem Echo von Eltern und Schülern. Warum das Aus?

Faßmann: Ich habe Infos auch von Eltern bekommen, die sagen, dass ihre Kinder über Gebühr emotional verstrickt werden. Ich habe mir die Konzeption der Theatergruppe angesehen. Und im Bereich der Migration kenne ich mich aus. Ich weiß, dass dieses Theaterstück nur einen ganz kleinen Teil des Migrationsprozesses herausgegriffen hat: den Vorgang der Einreise und der Registrierung. Migration bedeutet viel mehr: auch Befreiung von Not, von kriegerischen Auseinandersetzungen, Aufnahme in einem Land mit anderen ökonomischen und sozialen Chancen. Mir gefällt nicht, dass man der Sache bei dem Projekt einen bestimmten Spin gibt. Vielleicht kann man das auch gar nicht mit einem Theaterstück darstellen, weil das so viele Perspektiven beinhaltet. Ein Theaterstück ersetzt keine rationale Aufarbeitung eines komplexen Themas.

Die Schule hätte das untersagen sollen?

Faßmann: Es kommt auf die Dosierung an. Man hat besonders den Vorgang des In-der-Schlange-Stehens herausgegriffen.

Wollen Sie künftig genauer hinschauen, kontrollieren?

Faßmann: Wir müssen bei Vereinen, die an Schulen kommen, genauer schauen, dass sie Qualitätskriterien erfüllen. Es soll einen Akkreditierungsrat für diese Vereine geben. Man kann die Schulen nicht damit überfordern, selbst immer beurteilen zu können, wer von den unglaublich vielen Anbietern Qualität besitzt. Die Schulen sollen die Sicherheit haben, mit qualitätsgesicherten Vereinen zu tun zu haben.

Betrifft das alle Vereine?

Faßmann: Nein, nur solche im sensiblen Bereich: Wenn es um das leibliche und psychische Wohl geht – etwa bei Gewalt und Sexualpädagogik.

In einer Vorarlberger Volksschule werden Kinder der 2. und 3. Stufe alle ein „Gut“ im Zeugnis stehen haben – aus Protest gegen die Wiedereinführung der Ziffernnoten. Was sagen Sie dazu?

Faßmann: Da muss sich die Qualitätssicherung vor Ort darum kümmern und mit dem Direktor sprechen. Ich will mich nicht weiter involvieren, denn das Ministerium soll und darf sich nicht überall einmischen, nicht in jedem Tal schauen, ob dort jede Schule so funktioniert, wie es dem Minister vorschwebt.

Das Gespräch führten Karin Leitner und Serdar Sahin


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