Jüdisch-christliche Identität Österreichs: Ein problematisches Erbe?

Vor allem türkise Politiker betonen oft die jüdisch-christliche Tradition Österreichs. Doch wie sieht das die jüdische Gemeinde?

Nach Schätzungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien leben heute rund 15.000 Juden in Österreich, die meisten davon in Wien.
© Getty Images/iStockphoto

Von Serdar Sahin

Wien –„Österreich ist ein jüdisch-christlich geprägtes Land.“ Politiker betonen das oft in letzter Zeit – vor allem Türkise tun dies. Bundeskanzler Sebastian Kurz sagt es immer wieder, kürzlich hat Innenminister Karl Nehammer in einem TT-Interview davon gesprochen.

Überraschend ist jedoch, dass sich die jüdisch-christliche Identität Österreichs nicht explizit im türkis-grünen Regierungsprogramm wiederfindet. Lediglich folgende Passage ist auf Seite 202 unter dem Titel „Integration“ zu finden: „Österreich ist ein weltoffenes christlich geprägtes Land, mit einem reichen kulturellen und religiösen Erbe, das dem Humanismus und der Aufklärung verpflichtet ist.“

Das oft betonte jüdisch-christliche Erbe Österreichs fehlt also im Regierungspakt. Doch abgesehen davon: Wie bewertet die jüdische Gemeinde die politische Betonung des jüdisch-christlichen Erbes Österreichs?

„Im historischen Kontext ist die Begrifflichkeit des ,christlich-jüdischen Erbes‘ nicht unproblematisch“, sagt Rabbiner Schlomo Hofmeister gegenüber der Tiroler Tageszeitung. „Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (und vielerorts erst später) wurden Juden und Judentum von christlichen Kirchen dämonisiert. Ein Dialog bestand, wenn überhaupt, darin, dass Juden im Namen des Kreuzes verfolgt wurden“, erklärt er. „Trotzdem gibt es in Österreich eine lange und reiche Geschichte des Judentums, die dokumentiert mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurückgeht.“

Benjamin Nägele, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), ordnet die Causa so ein: „Das Kreuz ist ein rein christliches Symbol. Wenn die Begrifflichkeit des christlich-jüdischen Erbes aber die Gemeinsamkeiten zum Ausdruck bringen will, dass wir uns heute zusammen auf Werte des ethischen Monotheismus beziehen und beide Religionsgemeinschaften tief in Europa verwurzelt sind, dann kann das positiv bewertet werden – aber man sollte die Geschichte nicht vergessen. Auch sollte der Begriff nicht dazu verwendet werden, um Dritte auszuschließen.“


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