Gemeinnützige wollen Kraft des Wohnpakets abwarten

NHT und Co. haben weiter mit schmelzenden Grundstücksreserven und einer Spekulantenflut zu kämpfen. Eingriff ins Eigentum, wenn Reform nicht greift.

Tirols gemeinnützige Bauträger haben derzeit 2270 Sozialwohnungen in Bau.
© Thomas Murauer

Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck –Der Vergleich macht auch den Obmann der Gemeinnützigen Bauträger Tirols (GBT), Franz Mariacher, sicher. Die durchschnittliche Miete am sozialen Wohnungsmarkt beträgt derzeit 7,20 Euro (brutt­o; kalt) pro Quadratmeter. Am privaten Markt seien es im Schnitt 10,30 Euro. In Innsbruck würden gar bis zu 20 Euro/m² (warm) für Drei-Zimmer-Wohnungen aus den 80er-Jahren verlangt, berichtet sein Stellvertreter, Markus Lechleitner. Wer noch vor einem Jahr meinte, der Plafond bei den Mieten sei erreicht, habe sich geirrt, sagten beide gestern anlässlich der GBT-Vorschau auf das heurige Baujahr. Noch trister schaue es im Eigentumsbereich aus, so Mariacher. Wer von Gemeinnützigen eine Wohnung in der Landeshauptstadt kaufe, müsse im Schnitt mit 3100 €/m² rechnen. Am privaten Markt gelten Preise von 5500 bis 9000 €/m². Tirol weise in diesem Sektor die größte Spreizung aller Bundesländer auf. Wenn für 20 bis 30 Jahr­e alte private Wohnungen mehr verlangt werde als für Neubauten der Gemeinnützigen, dann „passt das ganze Gefüg­e nicht mehr zusammen“, zeichnet Mariacher ein düsteres Bild.

Wenn alle Maßnahmen nicht wirken, wird sich die Politik den Eingriff ins Eigentum überlegen müssen.
Franz Mariacher (Obmann Tiroler Gemeinnützige)

Nach wie vor stehen die GBT massiv unter Druck. Und gegen kapitalstarke Anleger, Investoren und Spekulanten auf verlorenem Posten. Das weiß auch die Landespolitik. Und hat im vergangenen Jahr gleich an mehreren Stellschrauben zu drehen begonnen. Zusammengefasst im „Wohnpaket“. In der Raumordnung wurden Vorbehaltsflächen für den geförderten Wohnbau eingeführt. Die anrechenbaren Grundkosten in der Wohnbauförderung wurden angehoben. Die Mietzinsbeihilfe wurde auf alle Gemeinden ausgerollt.

Ob das Landespaket die beabsichtigte Kraft entfalten kann und zu mehr leistbarem Wohnraum führen wird – diese Bewertung wollen die Gemeinnützigen jetzt noch nicht vornehmen. Dafür sei es noch zu früh. Für die nötige Trendumkehr am Wohnungsmarkt müssten aber sehr wohl alle Maßnahmen greifen. Wenn nicht, so Mariacher, sei das Land gefordert, auch Dinge anzugehen, von denen man bis dato die Finger gelassen hat. Die Red­e ist von den bestehenden Baulandreserven im Land. Solche, die bis dato nicht aktiviert werden können, weil das Land den hierfür nötigen Eingriff ins Eigentum scheut. Stichwort: Rückwidmungen. Landesrätin Beate Palfrader (VP) kann sich das bekanntlich vorstellen. Weite Teile der ÖVP aber nicht.

Die Instrumentarien des Landes sind gut, aber die Exekution der Gemeinden lässt zu wünschen übrig.
Markus Pollo (Geschäftsführer Neue Heimat)

Vorerst hoffen die Gemeinnützigen darauf, dass das Land beim Grundverkehr Nägel mit Köpfen mache. Und das ursprünglich angekündigte Interessentenmodell angehe. Die ÖVP favorisiert derzeit aber eher ein regionales Zweitwohnsitzkonzept.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

„Unsere Grundreserven schmelzen dahin“, verdeutlicht Lechleitner die Dramatik der Lage. Die Gemeinden seien hinsichtlich der Vertragsraumordnung gefordert: „Es passiert hier zu wenig und wird noch Zeit brauchen, bis die Gemeinden zu dieser Verantwortung stehen.“

Obmann Franz Mariacher (l.) und sein Stellvertreter Markus Lechleitner sehen bei den Gemeinnützigen „keinen strukturellen Leerstand“.
© platzermedia

Markus Pollo, Geschäftsführer der Neuen Heimat, hält die Instrumentarien des Landes grundsätzlich für gut, jedoch lasse die Exekution derselben durch die Gemeinden noch zu wünschen übrig. Eingriffe in bestehendes Bauland will Pollo nicht ausschließen, fragt sich aber, ob die Zeit dafür bereits reif sei: „Die Schmerzgrenze ist jetzt noch nicht erreicht.“

Zahlen & Fakten

Neubau-Wohnungen: In Summe sind mit Stand Jänner 2020 bei den Gemeinnützigen Bauträgern Tirols (GBT) 2270 Wohnungen neu in Bau. 1235 davon sollen heuer übergeben werden. Hinzu kommen rund 1800 bereits bestehende Wohnungen, die aufgrund eines Wechsels neu vergeben werden.

Investitionsvolumen: Für Neubau und Instandhaltung wenden die GBT im heurigen Jahr rund 320 Millionen Euro auf.

Bestand: Alle Gemeinnützigen zusammen verfügen über einen Wohnungsbestand von derzeit rund 66.200 Einheiten. Davon sind gut 40.000 Mietwohnungen. Der Leerstand betrug mit 1. Jänner 2020 rund 30 Wohnungen.


Kommentieren


Schlagworte