Mit Blaulicht ins Kriminal: Tiroler Rettungsverein im Visier

Ein kleiner Tiroler Rettungsverein ist ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Dem Obmann werden Untreue und Finanzstrafvergehen in Millionenhöhe vorgeworfen.

Ein „Verletzter“ wird bei einer Rettungsübung versorgt: Bei einem Rettungsunternehmen wurde ein Zivildiener nach eigenen Angaben ohne Ausbildung zu Sanitätsdiensten eingeteilt.
© Thomas Boehm / TT

Von Thomas Hörmann

Innsbruck –Malversationen im siebenstelligen Bereich, Untreue, „Sanitäter“ ohne Ausbildung: Das sind nur einige der Vorwürfe gegen den Obmann eines Rettungsvereins, die seit über einem Jahr von Staatsanwaltschaft, Landeskriminalamt und Finanzpolizei geprüft werden. „Seit einem Monat liegt der Abschlussbericht vor. Wir haben ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue eingeleitet“, bestätigt Thomas Willam, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft: „Weiters besteht der Verdacht, dass durch falsche Angaben Vorsteuer-Beihilfen zu Unrecht bezogen wurden.“ Und das in einem enormen Ausmaß – „wir gehen von einem Schaden im Bereich von einer Million Euro aus“. Der Beschuldigte weist die Vorwürfe zurück.

Zeugen zeichnen allerdings ein anderes Bild von den Vorgängen im Verein: So erzählt der Betreiber eines Pfandleihhauses, dass der Chef des Rettungsdienstes vier Fahrzeuge zuerst verpfändet und dann verkauft habe. „Da das Darlehen von etwa 30.000 Euro noch nicht zur Gänze zurückgezahlt ist, befinden sich die Autos im Besitz des Pfandhauses. Wir haben auch die Typenscheine und Zweitschlüssel“, berichtet der Zeuge. Dennoch habe der Vereinsobmann die Autos weiterverkauft. „Drei habe ich zurück, der vierte Wagen ist in Polen.“

Die Opfer sind die Käufer: Wie etwa der Chef eines weiteren Tiroler Rettungsunternehmens, der über 20.000 Euro für einen Krankentransporter bezahlt hat. Und dann eine böse Überraschung erlebte, als das Pfandleihhaus den Wagen zurückforderte. „Ja, ich bin ein Geschädigter“, bestätigt der Unternehmer die Angaben des Pfandleihers: „Die Geschichte mit dem Autoverkauf stimmt.“ Das Ergebnis: kein Rettungsfahrzeug, kein Geld. Das sei aber schon geklärt, behauptet hingegen der Beschuldigte.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Obmann jedoch auch vor, die Vereinskasse geplündert zu haben: „Es besteht der Verdacht, dass Zahlungseingänge an den Verein für private Zwecke Verwendung fanden.“ Kleinkram im Vergleich zu den angeblich unrechtmäßig bezogenen Beihilfen. Und die erhalten „Krankenfürsorgeeinrichtungen“ (und Rettungsorganisationen) als Ersatz für die Vorsteuer, die sie seit einigen Jahren nicht mehr geltend machen können. Die Höhe der Beihilfen richtet sich nach den Ausgaben: „Eine kleine Rettungsorganisation erhält Vorsteuer-Ausgleichszahlungen in der Größenordnung von etwa 2000 bis 3000 Euro pro Monat“, sagt ein Branchenkenner. Für den Verein des Beschuldigten sollen die Beihilfen deutlich üppiger ausgefallen sein – die Rede ist von 20.000 Euro und mehr pro Monat. Staatsanwalt Willam spricht jedenfalls von „weit überhöhten Auszahlungen, die durch falsche Angaben in den Beihilfe-Anträgen zustande gekommen sein dürften“. Der Vereinsobmann kommentiert den schweren Vorwurf nur knapp – die Sache sei noch in Prüfung.

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Aber auch abseits der finanziellen Ungereimtheiten ist beim Verein angeblich einiges im Argen: etwa bei den Mitarbeitern, die die vorgeschriebenen Sanitäter-Kurse zum Teil nicht absolviert haben sollen. „Ich bin zwar ausgebildeter Sanitäter, habe aber trotz mehrfachen Urgierens die alle zwei Jahre erforderliche Rezertifizierung (Auffrischungskurs; Anm.) nicht machen können“, sagt etwa ein ehemaliger Angestellter, der von Oktober 2018 bis Juli 2019 für den Verein gearbeitet hat. Noch drastischer schildert ein früherer Zivildiener die Zustände beim Rettungsunternehmen. „Ich hätte eine zweimonatige Sanitäter-Ausbildung beim Roten Kreuz machen müssen, bekam aber nie die Möglichkeit dazu.“ Dennoch sei er bei großen Veranstaltungen mit zahlreichen Besuchern zum Sanitätsdienst eingeteilt worden. „Ich bin froh, dass ich keinen Verletzten versorgen musste. Überspitzt formuliert kann ich nicht einmal ein Pflaster richtig aufkleben“, erklärte er der TT gegenüber. Er habe auch Blaulicht-Fahrzeuge steuern müssen, ohne die erforderliche Ausbildung absolviert zu haben. Beide Zeugen versichern, dass auch andere Mitarbeiter des Rettungsunternehmens Defizite bei der Ausbildung haben.

Vorwürfe, die der Obmann bestreitet: „Das stimmt nicht.“ Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.


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