„A Hidden Life – Ein verborgenes Leben“: Das Rätsel einer Gewissensentscheidung

Terrence Malick komponiert mit „A Hidden Life – Ein verborgenes Leben“ ein faszinierendes Porträt von Franz und Franziska Jägerstätter.

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Beeindruckend: August Diehl und Valerie Pachner als Ehepaar Jägerstätter in Terrence Malicks „A Hidden Life – Ein verborgenes Leben“.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Radegund liegt in Südtirol. Zumindest aus amerikanischer Sicht. Dort drehte Terrence Malick bereits 2016 seinen zehnten Film „A Hidden Life“. Nach einer langen Schnittphase wurde der Film dann 2019 im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes präsentiert. Der Amerikaner Malick wendet sich darin der Geschichte des oberösterreichischen Kriegsdienst-Verweigerers Franz Jägerstätter zu, mit etlichen deutsch-österreichischen Stars vor der Kamera. Im Original spielen sie alle auf Englisch, während die Gespräche im Hintergrund in alpinem Deutsch durchklingen. Diese linguistische Fußnote gibt dem Film für deutschsprachige Ohren eine seltsame Facette, die erstaunlich gut funktioniert.

Malick, der einst als Philosoph Martin Heideggers „Vom Wesen des Grundes“ ins Englische übersetzte, interessiert sich freilich jenseits aller Sprache und christlicher Ideologie für die ultimative, unergründliche Gewissensentscheidung Jägerstätters. Die Verweigerung, für Hitler in den Krieg zu ziehen, ist das Herz des Films. Malick behandelt Franz Jägerstätter als faszinierendes Rätsel. August Diehl spielt ihn beeindruckend, bis zum Schluss mit unerschütterlich stoischer Miene. 173 Minuten arbeitet sich Filmphilosoph Malick mit sichtlicher Bewunderung an einem echten Menschen ab, der bereit war, für seine Überzeugung zu sterben. Gewohnt wortreich mit den typischen, kunstvoll komponierten Gesprächsfetzen setzt er ihm eine Art filmisches Denkmal. Dabei geht er anhand der Chronologie des realen Falles weitaus geradliniger vor als von seinen bisherigen Filmen gewohnt.

Die Dramaturgie baut zunächst ein paradiesisches, einfaches Leben am Bergbauernhof auf, um dann den Druck des dörflichen Umfeldes und des Regimes bis zur Hinrichtung zu begleiten.

Rund um die beiden aufrechten Nazi-Gegner Franz und Franziska Jägerstätter, im Englischen passend „Con­scientious Objectors“ genannt, gruppiert Malick den gesellschaftlichen Druck, vom Bürgermeister (Karl Markovics) bis zum Pfarrer (Tobias Moretti). Bruno Ganz ist in seiner vorletzten Leinwand-Rolle als Oberrichter des Nazi-­Tribunals zu sehen.

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Erfreulich ist dabei, dass Malick die erst mit 100 Jahren verstorbene Franziska Jägerstätter als gleichwertigen Gegenpart ihres Mannes Franz in seine Geschichte holt. Gespielt von der 2019 mit gleich mehreren Glanzleistungen präsenten Valerie Pachner entspinnt sich ab der Verhaftung von Franz eine Parallelgeschichte, durch Zitate aus dem echten Briefwechsel angereichert. Das stellt dem dunklen, einsam-passiven Todestrieb des Gewissens die tragisch gefärbte positive Liebe gegenüber. In der imaginierten Natur-Idylle des Hofes findet Malick die erdigen Bilder dazu. Kameramann Jörg Widmer fängt die aus früheren Malick-Filmen bekannten Lichtspiele in dynamischen Fahrten ein. Erzählungen der Dreharbeiten sprechen von quasi-dokumentarischem Begleiten des bäuerlichen Lebens, die Malick erst am Schneidetisch als vielstimmige Symphonie komponierte.

„A Hidden Life – Ein verbor­genes Leben“ ist ein typischer, durch die reale Geschichte geerdeter Malick-Film. Ein intensives Porträt zweier Menschen, die auch abseits der Leinwand eine faszinierende Projektionsfläche bieten.

📽 Video | Trailer zu "Ein verborgenes Leben"


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