„Fidelio“ an der Wiener Staatsoper: Beethovens erste Leonore muss bluten

Die Wiener Staatsoper versucht mit der „Fidelio“-Urfassung von 1805, als Erstaufführung am Haus, einen Beitrag zum Beethovenjahr 2020 zu leisten und scheitert fast auf ganzer Linie.

Doppelt gemoppelt: Schauspielerin Katrin Röver (l.) und Sopranistin Jennifer Davis als Leonoren-Duo im Ur-„Fidelio“ an der Wiener Staatsoper.
© Staatsoper/Michael Pöhn

Von Stefan Musil

Wien – Man kann es auch so sehen: Die Staatsoper wollte den Beweis führen, warum der „Leonore“ genannte Ur-„Fidelio“, der stark bearbeitet erst 1814 zum Erfolg wurde, 1805 gescheitert ist. In jedem Fall wurden wenige Staatsopernpremieren der letzten Jahrzehnte matter aufgenommen als diese. Laut wurde es nur, als das Leading-Team, Regisseurin Amélie Niermeyer, Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau und Kostümbildnerin Annelies Vanlaere, auf die Bühne trat: Da flutete ein Buh-Orkan das Haus.

Dabei sind die Umstände 2020 bessere als 1805, als gerade die Truppen Napoleons Wien besetzt hatten. Dass die Urfassung ihre großen Qualitäten hat, hat nicht zuletzt Réne Jacobs, der die Erstversion sogar für die überzeugendere hält, auf neuer CD und konzertant auch im Uraufführungshaus, im Theater an der Wien, eindrucksvoll demonstriert.

An genügend Mitteln für die Staatsopernproduktion, die noch viermal gezeigt wird, fehlte es jedenfalls nicht. An Ideen von Amélie Niermeyer offenbar auch nicht, höchstens am Vertrauen in den Stoff. Die problematischen Dialoge wurden durch Neues, Gegenwärtiges von Moritz Rinke ersetzt. Denn auch Niermeyer hat erkannt, dass Themen wie politische Verfolgung, Terror und Gefährdung der Meinungsfreiheit hochaktuell sind.

So sieht man bereits zur Ouvertüre, wie Leonore und Florestan, ein „politischer Oppositioneller“, im Bett turnen, bis Florestan verschleppt ist, worauf die Stimme von Leonores Gewissen als ein von Katrin Röver gesprochenes Double erscheint. Sie wird dem Abend ein Minimum an Handlungsgefüge geben, den Niermeyer in eine Sechziger-Jahre-Bahnhofshalle verlegt.

Eine schlüssige Personenregie sucht man hier vergebens. Alle rennen ohne Ziel durch die Gegend, Häftlinge fassen Essen, stehen an, vieles, was wohl Terrorstimmung erzeugen soll, wirkt unfreiwillig komisch, dazu gibt es permanente Lichtspiele. So wie zuletzt in ihrer Wiener „Rusalka“ verzettelt sich Niermeyer dabei, ihre Ideen umzusetzen, in leeren, längst überwunden geglaubten Regietheatermätzchen.

So scheitert auch ihre Idee fürs Finale, wenn sich die sprechende von der singenden Leonore spaltet. Letztere wirft sich nämlich Pizarro ins Messer, als der Florestan erstechen will.

Niermeyer verrät dazu, dass sie das „Wer ein solches Weib errungen, stimm in unseren Jubel ein“-Finale für „extrem schwierig“ hält. Daher wird das Happy End zur Vision der sterbenden Leonore. Die imaginierte Doppelgängerin wagt ein Tänzchen mit Florestan, während sich der Chor in Glitzerkostümen durch einen Lametta-Vorhang an die Rampe vorsingt, wo Leonore, quasi Symbol für die Freiheits-Utopie, langsam verblutet.

Endlich ist dann die Hallenrückwand hochgezogen und die hallige Akustik weg, die den ganzen Abend irritiert hat und Stimmen schlecht hören lässt. Allerdings nicht die vielen zu tiefen Töne, die Jennifer Davis als Leonore ihrem heftig geforderten Sopran entlockt. Benjamin Bruns hat es leichter, weil der Florestan, anders als der spätere, heldische, hier noch ganz lyrischer Spaziergang ist, den er zweckdienlich gut bewältigt.

Auch Kollege Jörg Schneider kann sich bestens behaupten, während die Marzelline von Chen Reiss Zeit braucht, um sich mit zartem Sopran im Hallenambiente zu finden.

Falk Struckmann gibt einen soliden Rocco, der in seiner „Gold“-Arie allerdings kapital aussteigt. Thomas Johannes Mayer ist als Bösewicht Pizarro kaum präsent und auch Samuel Hasselhorns Minister bleibt blass. Den brav studierten Chor hat man schon mit mehr Begeisterung erlebt.

Am Pult bemüht sich Tomáš Netopil um profilierte Spannung im diesmal kleiner besetzten „Fidelio“-Orchester, was auch nur bedingt gelingt. Eine Ehrenrettung sieht anders aus.


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