Kampf um Ski-Nachwuchs in Tirol: Weg mit Bürokratie

Der Schweizer Kanton Wallis macht Skifahren zum Unterrichtsfach. In Tirol will man Vorreiter bei Schulskikursen bleiben. Seilbahner kritisieren, dass Lehrer viel mit Bürokratie zu kämpfen haben.

Die meisten Schulskikurse werden in Tirol von sportlich ausgebildeten Lehrern organisiert, teils werden sie von Profis begleitet.
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Von Alexandra Plank

Innsbruck – Der Walliser Erziehungsdirektor macht den Schneesport nun zum Schulfach. Damit möchte er die lokale Ski-Kultur am Leben erhalten. Schüler ab der 3. bis zur 11. Klasse würden an drei Tagen pro Winter ihren Sportunterricht von der Turnhalle auf die Berge verschieben. Die „Snow Days“ seien für die Schüler verpflichtend.

Tirols oberster Seilbahner Franz Hörl würde dieser Tage wohl gern kurzzeitig ein Walliser sein. Vor 20 Jahren wurde in Österreich der Skikurs aus den Lehrplänen an den Schulen genommen.

„Die Seilbahnwirtschaft nimmt nicht so viel Geld in die Hand, wenn sich das nicht mindestens 30 Jahre rentiert.“ Franz Hörl
 (Seilbahner)
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Dennoch steht für ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel fest, dass die Österreicher dem Schweizer Kanton ohnehin eine Nasenlänge voraus seien (siehe unten). Aktuell kommen vom Bund positive Signale. Zwecks Verankerung des Skisports im Unterricht konnte einiges ins Regierungsprogramm von ÖVP/Grüne hineinverhandelt werden. Hörl hofft, dass neben dem Bekenntnis zu Wintersportwochen auch Erleichterungen für die Lehrer umgesetzt werden. „Vor allem bei der Bürokratie herrscht Handlungsbedarf“, so der Chef der Tiroler Seilbahner. Denn der Verwaltungsaufwand für die Organisation einer Wintersportwoche habe ein für die Lehrkräfte an Bundesschulen nicht mehr zu bewältigendes Ausmaß erreicht. Gründe dafür seien: Lehrer dürfen kein eigenes Konto für die Schulwoche einrichten, sie verfügen nicht über eine­n elektronischen Zugrif­f, Bankomat- beziehungsweise Kreditkarten­zahlungen sind nicht möglich. So müssten etwa Liftkarte­n bar bezahlt werden. Ein Vorschlag an die Politi­k lautet, dass die pädagogische Leitung (durch Lehrer) und die finanzielle Gebarung (durch die Verwaltung) getrennt erfolgen sollten.

Daten und Fakten

Initiative. Rund 50.000 Schüler nehmen jährlich an der Initiative „Skifahr’n“ teil. Tirol ist im Bundesländervergleich ein Vorreiter. Die Teilnehmerzahl stieg seit der Einführung 2004/5 ständig.

Konzept. In diesem Schuljahr nehmen 73 Tiroler Skigebiete an „Skifahr’n“ teil. Schülergruppen von der 1. bis zur 9. Schulstufe bekommen Gratis-Liftkarten. Für die 10.–13. Schulstufe gibt es die Liftkarten stark vergünstigt um 5 Euro pro Schüler/Tag.

Rückgang. Laut Befragung gibt nur noch jeder dritte Österreicher an, Ski zu fahren. Anfang der 1990er-Jahre war es noch die Hälfte der Österreicher.

(Symbolfoto)
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Obwohl mehr immer besser wäre und der Walliser Vorstoß zu begrüßen sei, weist Hörl darauf hin, dass die Ini­tiative „Skifahr’n“ ein Riesenerfolg sei. Etwa 50.000 Schüler profitieren jährlich davon. Die Frage, ob das Skifahren für die Familien leistbar sei, bejaht der Seilbahner: „In den meisten Skigebieten sind die Kinder bis 6 Jahre frei, es gibt Jugendkarten und eine Vielzahl von Angeboten.“ Karten wie das Freizeitticket seien zwar einmalig teuer in der Anschaffung, würden aber letztlich sehr günstige Tarife für die Besitzer bringen. Immer wieder wird aufgrund des Klimawandels an der Zukunft des Skisports gezweifelt (siehe Interview rechts): „Die Seilbahnen haben vergangenes Jahr 750 Millionen Euro in Österreich investiert, die Hälfte in Tirol. So viel Geld nimmt man nicht in die Hand, wenn sich das nicht mindestens 30 Jahre rentiert“, so Hörl dazu.

„Rund die Hälfte aller Tiroler Schüler nimmt an den Skiwochen teil, das ist eine bemerkenswert hohe Zahl.“ Beate Palfrader (Landesrätin Bildung)
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Der Sommertourismus nehme zu, bei der Beförderung mache er aber nur 10 bis 12 Prozent des Umsatzes aus. LR Beate Palfrader sagt, dass das Unterrichtsfach „Bewegung und Sport“ diverse Sportarten, auch Skifahren, unterrichte. Zudem gebe es Schulen mit Sportschwerpunkt sowie das Skigymnasium und die Ski-Mittelschule. „Rund die Hälfte aller Tiroler Schüler nimmt an Skiwochen teil, das ist eine bemerkenswert hohe Zahl.“ Laut Schröcksnadel finden auch Kinder mit Migrationshintergrund Skifahren lässig. „Es ist wichtig, dass alle mittun können, das schafft Gemeinschaft. Es gibt Förderungen, die das sicherstellen“, schließt Hörl.

„Österreich ist Schritt voraus"

Innsbruck – „Das Wallis ist nicht die Schweiz“, hält Peter Schröcksnadel sofort fest. Aber auch wenn es nur ein Kanton im Nachbarland ist, der Ski-Schulunterricht einführen will, begrüßt der Präsident des Österreichischen Skiverbandes diese Neuerung. Schließlich wäre es für jedes Kind gut, den Sport zu erlernen.

Der 78-Jährige wird jedoch nicht müde, zu betonen, dass Österreich in Sachen Schule und Skisport der Schweiz um einen Schritt voraus ist. „In Oberösterreich werden die Volksschulkinder mit dem Bus in Skigebiete gebracht“, gibt der Tiroler als Beispiel an. Und erst vor Kurzem hätte er ein Schulskirennen gesehen, bei dem 1000 Kinder am Start gewesen seien.

Der Tiroler begrüßt das Regierungsprogramm von ÖVP und Grünen: „Die Parteien wollen die Schüler über Wintersportwochen wieder auf die Pisten bringen.“

Geplant ist die „Einführung von Sporttagen: in der Volksschule mindestens vier Tage, in der Unter- und Oberstufe mindestens je zwei Wochen, wobei eine dem Wintersport gewidmet werden muss“. „Alles zusammen ist sehr erfreulich“, sagt Schröcksnadel, der sich sicher ist, „dass hierzulande immer viele Kinder Skifahren lernen werden“. (su)

Josef Schrank (WWF-Experte)
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5 Fragen an den Ökologen Josef Schrank

1. Ist Skifahren als Unterrichtsfach sinnvoll? Solange ein sorgsamer Umgang mit der Natur beachtet wird, spricht nichts gegen Skifahren im Sportunterricht. Angesichts der großen Herausforderungen, denen wir aufgrund der Klimakrise und des Artensterbens ausgesetzt sind, wäre es wichtig, die ökologischen Folgen des Tourismus im Unterricht zu thematisieren.

2. Gäbe es im Winter Alternativen? Skifahren wird wegen seiner tiefen Verankerung in Kultur und Identität noch lange eine große Rolle im österreichischen Winter spielen. Dennoch ist eine Veränderung der emotionalen Bindung zum Skifahren schon bemerkbar. Fest steht auch, dass im Mittelpunkt der alpinen Identität die Berge stehen, die auch anders erlebbar sind. Womöglich sind wir irgendwann nicht mehr ein „Land der Skifahrer“, aber wir bleiben das „Land der Berge“.

3. Was ist das Problem des Skisports? Aus Naturschutzsicht ist der ständige Ausbau von Infrastruktur zu kritisieren. Die Vergrößerung von Skigebieten hat ein enorm zerstörerisches Potenzial. Immer mehr Natur und Boden wird beansprucht, Gewässer abgeleitet, Rückzugs- und Erholungsräume besetzt. Es braucht Konzepte ohne so großen Flächen- und Ressourcenaufwand.

4. Kann Kunstschnee ökologischer erzeugt werden? Die Klimaerwärmung erhöht den Aufwand für die Beschneiung. Für einen gleichbleibenden Beschneiungsgrad müssten immer mehr Depots angelegt, Teiche gebaut und Kanonen verwendet werden. Das heißt: zusätzliche Verbauung der Landschaft, mehr Energie- und Wasserverbrauch. Wir müssen Konzepte entwickeln, die so wenig wie möglich von künstlicher Beschneiung abhängen. In Tirol wurden 2017 und 2018 rund 76 Hektar Pisten, 39 Aufstiegshilfen und 53 Beschneiungen genehmigt. So kann es nicht weitergehen.

5. Braucht es überhaupt mehr Winter­sportler? Das Ziel darf nicht sein, immer mehr Menschen in die Alpen zu bringen. Das hält die Natur, das halten die Täler und ihre Bewohner nicht aus. Den Pfad der Naturverträglichkeit hat der Tourismus in Tirol verlassen. Alle sind gefordert, verträgliche Konzepte zu erstellen, die Wertschöpfung und ein gutes Leben sicherstellen.

Das Interview führte
 Alexandra Plank


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