Dancefloor-Euphorie trifft Sperrstunden-Melancholie

Die „Pet Shop Boys“ veröffentlichen mit „Hotspot“ einen Musik gewordenen Liebesbrief an ihre temporäre Heimat Berlin.

Unverkennbar „Pet Shop Boys“: Neil Tennant (l.) und Chris Lowe kehren mit ihrem neuen Album nochmal zurück zu ihren Anfängen.
© Kobalt Music

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –Ob Berlin in Zeiten von Gentrifizierung, kaum erschwinglichen Mieten und einer abwandernden Kulturszene noch Hotspot Europas ist, darf inzwischen zumindest bezweifelt werden. Und dennoch: Neil Tennant und Chris Lowe halten bis heute am Kultstatus der deutschen Metropole fest und heben Berlin mit ihrem vor Kurzem erschienenen Album nun auch auf ein Podest: „Hotspot“ ist ein Musik gewordener Liebesbrief der Pet Shop Boys an ihre – zumindest temporäre – deutsche Heimat.

Wie es zu dieser Liebe kommt, erklären die Briten in einem Interview mit der deutschen Presse kurz und knapp: Man lebe an diesem „produktiven Ort“ zumindest zeitweise, schätze das Grün, liebe das „Herumflanieren“ – und verachte Hipster. Das klingt doch schon mal so ruppig, wie man sich das im Kiez wünscht.

Video: „Monkey Business“

Denkt man an Berlin als Musikstadt, dann kommt man an den Hansa-Studios kaum vorbei. Dort, wo David Bowie mit Brian Eno an der „Berliner Trilogie“ feilte, U2, Falco, Depeche Mode arbeiteten, nahmen nun auch die Pet Shop Boys ihre Berlin-Hommage auf. Starproduzent Stuart Price, der schon mit Madonna zusammenarbeitete, wurde aus Los Angeles eingeflogen.

Obwohl Berlin das musikalische Leitmotiv von „Hotspot“ ist, ein stilistischer Einfluss des Berlins der Gegenwart ist kaum auszumachen. Pet Shop Boys bleiben Pet Shop Boys. Das 1981 gegründete Duo kehrt für seine Platte sogar zu seinen eigenen Anfängen zurück. „Hotspot“ schlägt ganz im Takt ihrer Achtzigerhits – auch wenn sich die neuen Nummern nicht ganz so pathetisch aufdrängen wie das inzwischen totgespielte „It’s A Sin“ (1987) oder „Go West“ (1993). Die neuen Tracks wie „Happy People“ oder „Dreamland“ atmen eher den Geist des frühen „West End Girls“ (1984): Sprechgesang und urbane Geräuschkulisse inklusive.

So mischen sich in den Opener „Will-o-the-Wisp“ etwa U-Bahn-Klänge und die Ansage „Hallisches Tor“ unter die treibenden Elektro-Beats und die völlig alterslose Stimme von Neil Tennant. Wiedererkennungswert: 100 Prozent. Gefühlsmäßig changiert der Sound nach wie vor zwischen Dancefloor-Euphorie und Sperrstunden-Melancholie. Textlich bleiben die Briten mit einigen Schmalz-Ausreißern („Don’t be scared, for only the dark can show you the stars“, heißt es etwa in „Only The Dark“) einigermaßen am Boden. Und durchgehend selbstbewusst.

„Hotspot“ ist einerseits wilde Fahrt durch die Clubs Berlins: „People tell me I’m a legend, round these parts, I start the party and I end up breaking hearts“, flötet Tennant etwa im klar vom Seventies-Sound inspirierten „Monkey Business“. „Hotspot“ bietet andererseits auch jene bittersüßen Balladen, für die die Pet Shop Boys bekannt sind. In „You Are The One“ oder „Hoping For A Miracle“ etwa wird schwermütig sinniert.

Schmunzeln lassen die Pet Shop Boys ihre Zuhörer spätestens bei „Wedding In Berlin“, wo der „Hochzeitsmarsch“ von Felix Mendelssohn Bartholdy aufs Berghain trifft. Der Song, geschrieben für die Hochzeit eines Freundes, kam für einen abschließenden Konsens recht: Das Album will kein schüchternes Anbandeln, sondern die ganz große Liebe. Ihr Nostalgie-Sound ist viel Pop-Pathos und wenig Berliner Gegenwart. Aber die Pet Shop Boys machen klar, sie stehen über den Dingen. Und über der Zeit.


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