B’Rock Orchestra: Jugendfrisch und erschütternd gereift

Großer Abend im Haus der Musik Innsbruck mit René Jacobs und dem B’Rock Orchestra, die einen neuen, zupackenden Schubert präsentierten und für Haydn Nicolas Altstaedt mitbrachten.

Voller Spannung, Emotion, Leichtigkeit und Tiefe setzten das großartige B’Rock Orchestra unter René Jacobs’ unvergleichlicher Führung in Innsbruck den Zyklus der Schubert-Symphonien fort. Dem Konzert am Sonntag folgt die CD-Einspielung.
© Malyshev

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Adieu, biedermeierlich kolorierte Kitschbildchen vom „Schwammerl“ Schubert. René Jacobs erkennt den mit 31 Jahren Frühvollendeten in seiner Größe. Und wieder ist es die Crepaz-Galerie St. Barbara, die Wesentliches anstößt und ermöglicht. Jacobs, schon als Kind in Schubertlieder verliebt, hat am Sonntag im Haus der Musik Innsbruck mit dem B’Rock Orchestra Schuberts Symphonien Nr. 3, 5 und 8 sowie Joseph Haydns erst vor 60 Jahren wiederentdecktes Violoncellokonzert Nr. 1, Hob. VIIIb:1, aufgeführt.

Ein prägendes Ereignis. Weniger wird, wer es erlebte, vom „Franzl“ nicht mehr hören wollen. Jacobs streift von den ersten sechs Symphonien der so genannten Jugendphase die freundliche Beiläufigkeit ab, ohne sie künstlich zu beschweren. Im Gegenteil, da herrschte in der dritten (D-Dur) und fünften (B-Dur) jugendlicher Schmelz, Übermut in den raschen Tempi, fröhliches Geplänkel im Dialog der Themen und der Charakteristik des historischen Instrumentariums, dessen Farbigkeit sehr rasch lockere Naturstimmung und Geselligkeit mit schuberttypischer Melancholie untermalen kann. Von der dritten zur fünften Symphonie führt schon eine Entwicklung. Jacobs nimmt den jungen Komponisten ernst in seiner Impulsivität, Zartheit, die oft unerwartet durchbricht, und in der Kraft seines Ausdruckswillens. In die letzten Sätze stürmt er hinein, ohne dass der Zuhörer hinterherhechelt. Formal bricht er auf zu neuen Entdeckungen, nur im Finalsatz der B-Dur verhuschte ihm ein Übergang.

Abgrundtief, groß, voller Erschütterungen die „Unvollendete“ mit ihren beiden Sätzen, vollendeter nicht zu denken. Der warme Klang des nun erweiterten – seine Virtuosität in den Dienst des reichen, überaus differenziert ausgearbeiteten Ausdrucks stellenden – B-Rock Orchestra löst den theatralischen Ansatz zugunsten tieferer Schichten auf. Die Pausen werden zu Ereignissen. Schuberts Untröstlichkeit ist in der dunklen Grundierung voller Geheimnisse, voller Schicksal, alles von mitreißender Kraft. Schubert hat Beethoven erkannt, ohne nun zu imitieren.

Für Haydns Cellokonzert kam der wunderbare Nicolas Altstaedt mit seinem grandiosen Ausdrucksspektrum voller Temperament und Beseeltheit – und setzte sich danach ins Orchester.

Jacobs hat in den vergangenen Jahren nicht nur Beethovens Oper „Leonore“ (Urfassung des „Fidelio“) und die „Missa solemnis“ (Veröffentlichung im Herbst 2020) erarbeitet, sondern ist auch mit seinem Zyklus der Schubert-Symphonien befasst. Nach seinem Konzert der Ersten und Sechsten beim Osterfestival Tirol 2017 sind die Einspielungen beim Label „Pentatone“ erschienen und ernteten überwiegend begeisterte Zustimmung.

Nun werden dieser Tage, ebenfalls im Haus der Musik Innsbruck, die Symphonien vom Sonntagkonzert aufgenommen. Einen Preis hat das Publikum dafür bereits mit der schlechten Sicht auf die Bühne und den Cellosolisten bezahlt. Die tiefe Position war hinsichtlich des Mitschnittes notwendig, um eine akustische Bläserdominanz zu verhindern. Die Tatsache, dieses Konzert vor der Aufnahme live erlebt zu haben, macht das mehr als wett.


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