Zahl der Neuerkrankungen steigt: Krebs bleibt eine Herausforderung

Tirol steht international bei der Erforschung und Behandlung von Krebs gut da. Bei der Bewusstseinsbildung der Tiroler ist noch Luft nach oben.

Die Erforschung und Therapie von Krebs ist eine Geschichte von Erfolgen und Rückschlägen.
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Von Theresa Mair

Innsbruck –Tirol ist bei der Erforschung, Diagnostik und Behandlung von Krebserkrankungen auf der Erfolgsspur. Dasselbe gilt für die medizinische Versorgung der rund 40.000 Betroffenen (19.300 Frauen, 18.800 Männer im Jahr 2017), die in Tirol mit der Diagnose Krebs leben. Das spiegelt das seit nunmehr 30 Jahren akribisch geführte Tiroler Tumorregister wider, dessen neuester Bericht (Diagnosejahr 2017) erst vor wenigen Tagen erschienen ist – pünktlich zum heutigen Weltkrebstag.

So geht aus den Daten des Registers hervor, dass die altersstandardisierte Sterblichkeitsrate bei allen Krebsformen (ohne Nichtmelanomen Hautkrebs) stark gesunken ist. Starben 1988 in Tirol noch 109,5 von 100.000 Frauen pro Jahr, waren es 2017 noch 68,3. Bei den Männern ist die altersstandardisierte Rate der Krebstodesfälle von 157,4 pro 100.000 auf 96,8 gesunken.

Bei Prostatakarzinomen, Brustkrebs und Gebärmutterhalskrebs fallen die verbesserten Überlebensraten besonders auf. Denn für alle drei Krebsformen konnte die altersstandardisierte Sterblichkeit seit 1988 in etwa halbiert werden.

Video | WHO warnt vor drastischem Anstieg der Krebserkrankungen bis 2040

Als Basis für diese Erfolge machen die Verantwortlichen des Registers vom Institut für klinische Epidemiologie der Tirol Kliniken verbessertes Screening und die verstärkte Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen aus. „Mehr Karzinome werden auch in früherem Stadium diagnostiziert. Dies führt zu einer guten Heilungschance“, heißt es etwa zu Brust- und Prostatakrebs. Beim Gebärmutterhalskrebs könnte jedoch zusätzlich „die Inanspruchnahme von Impfungen“ noch verbessert werden. Insgesamt konnte die Fünf-Jahres-Überlebensrate (siehe: Krebs-ABC rechts) bei Krebs auf circa 65 Prozent gesteigert werden. „Das ist eine exzellente Zahl, die zeigt, dass die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern in Tirol funktioniert und wir eine sehr gute Krebsversorgung haben“, sagt Dominik Wolf, Direktor der Uniklinik für Onkologie und Hämatologie in Innsbruck.

Zahl der Neuerkrankungen wird weiter ansteigen

Grund, sich beruhigt zurückzulehnen, ist das allerdings keiner. Denn es gibt noch genug Herausforderungen. Zumal die Zahl der Neuerkrankungen in den kommenden Jahren auch in Tirol weiter ansteigen wird. „Ganz sicher ist, dass Krebserkrankungen in Zukunft generell zunehmen werden, was allein durch die Altersstruktur bedingt ist. Die ,Babyboomer‘-Generation kommt langsam in das Alter, wo Krebserkrankungen im Allgemeinen zunehmen“, sagt Irmgard Delmarko, Leiterin des Instituts für klinische Epidemiologie.

Aktuell sehr beunruhigend ist die massive Zunahme von Lungenkrebs, vor allem bei Frauen. Bei ihnen ist seit 1988 sowohl die Rate der Neuerkrankungen (von 10,3:100.000 auf 23,3:100.000) als auch der Sterblichkeit (8,5:100.000 auf 13,9:100.000) gestiegen. Bei den Männern sind dagegen beide Raten inzwischen stark rückläufig. Auffällig ist, dass bei allen Neuerkrankungen Innsbruck-Stadt über dem Landesdurchschnitt liegt, insbesondere aber bei den Lungenkarzinomen bei Frauen. „Die Vermutung liegt nahe, dass in der städtischen Bevölkerung vor allem die Frauen früher mit dem Rauchen begonnen haben als in der ländlichen, womit es auch früher zur Entwicklung von Lungenkarzinomen kommt“, sagt Delmarko dazu.

Der Bevölkerung muss klar sein, dass sie das Risiko zumindest zum Teil selbst in der Hand hat.
Onkologie-Direktor Dominik Wolf

Entsprechend sieht Wolf auch eine der größten Herausforderungen in der Aufklärung der Bevölkerung. „Der Lebensstil ist ein anhaltend großes Problem – Übergewicht, hoher Alkoholkonsum und vor allem das Rauchen. Der Bevölkerung muss klar sein, dass sie das Risiko zumindest zum Teil selbst in der Hand hat“, betont er. Rauchen müsse drastisch teurer, Kindern und Jugendlichen die Risiken des Rauchens vermittelt werden und sie sollten auch viel mehr zu Bewegung angeregt werden. Daneben ist auch die Nutzung von Vorsorgeuntersuchungen entscheidend. Was diese betrifft, so soll bis Ende des Jahres im Zentralraum Innsbruck ein Pilotprojekt gestartet werden, in dem ein Lungenkrebs-Screening mittels CT-Untersuchung getestet wird.

Resistenzen besser verstehen lernen

Weltweit und auch in Tirol wird derzeit intensiv daran geforscht, auftretende Resistenzen bei Chemo-, Immun- und gezielten Therapien und Rückfälle besser zu verstehen. „Wir lernen, dass Tumor nicht gleich Tumor ist. Selbst wenn man einen Knoten herausschneidet und an verschiedenen Stellen untersucht, zeigen sich ganz unterschiedliche Muster. Krebs entwickelt sich auch durch den Druck der Therapie weiter“, erklärt Wolf.

Derzeit laufen an der Innsbrucker Klinik mehr als hundert klinische Studien, welche zum Ziel haben, neue Therapien zu etablieren und bestehende zu optimieren.

Ein großes Anliegen ist Wolf, die bereits bestehende Vernetzung mit den Tiroler Krankenhäusern unter dem Dach des Innsbrucker Krebszentrums CCCI weiter auszubauen. Dadurch sollen alle Krebspatienten einen leichteren Zugang zu klinischen Studien und damit die „Therapie von morgen“ erhalten. Das steigere erwiesenermaßen die Überlebenschancen.

Wichtige Begriffe im Krebs-ABC

Arbeitsbedingter Krebs: Die AUVA macht darauf aufmerksam, dass jährlich rund 1800 Menschen in Österreich an arbeitsbedingtem Krebs sterben. Viele der Fälle könnten demnach durch Schutzmaßnahmen im Umgang mit krebserregenden Stoffen am Arbeitsplatz verhindert werden.

Erblich: Die Vererbung genetischer Veränderungen spielt bei einer Vielzahl von Krebsformen eine Rolle. Kommt es zu einer familiären Häufung gewisser Krebserkrankungen, besteht die Möglichkeit einer eingehenden genetischen Beratung und Diagnostik am Institut für Humangenetik der Medizinischen Universität Innsbruck. Weitere Infos online: humgen.at

Fünf-Jahres-Überleben: Die Berechnung der Fünf-Jahres-Überlebensrate hilft bei der Einschätzung der Prognose einer Krebserkrankung. Sie ist ein statistischer Wert, der den Anteil der Patienten anzeigt, der fünf Jahre nach Diagnose einer Krebserkrankung noch am Leben ist. Das relative Fünf-Jahres-Überleben in Österreich ist von der Periode 2000 bis 2004 bis zur Periode 2010 bis 2014 von 59 Prozent auf 61 Prozent gestiegen. Ein Wert von 100 Prozent entspricht dabei der Überlebenswahrscheinlichkeit der Gesamtbevölkerung.

Glyphosat: Das Unkrautvernichtungsmittel des deutschen Bayer-Konzerns wurde von der Krebsforschungsagentur der WHO 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Dennoch beschloss die EU-Kommission Ende 2017 die weitere Zulassung des Pflanzengifts. Ein 2019 vom Nationalrat beschlossenes Glyphosat-Verbot für Österreich konnte aufgrund eines Formfehlers vorerst nicht wie geplant am 1. Jänner 2020 in Kraft treten.

HPV: 97 Prozent aller Gebärmutterhalskrebse werden durch Humane Papillomaviren (HPV) ausgelöst, die v. a. durch Sexualkontakt übertragen werden. Auch bei HNO-Krebsformen zeigt sich eine Beteiligung von HPV. Die kostenlose HPV-Schulimpfung von Mädchen und Buben verhindert, dass die Viren weiterverbreitet werden.

Immunonkologie: Forschungsfeld, in dem daran gearbeitet wird, das körpereigene Immunsystem gegen den Krebs scharf zu machen. Abwehrzellen werden reaktiviert oder künstlich aufgerüstet, damit sie Tumorzellen gezielt erkennen und zerstören können.

Lungenkrebs: Lungenkrebs ist laut Statistik Austria bei beiden Geschlechtern die häufigste Krebstodesursache (22 Prozent bei den Männern und 16 Prozent bei den Frauen). Bei den Frauen hat das Erkrankungs- sowie das Sterberisiko in den vergangenen Jahren massiv zugenommen.

Molekulares Tumorprofiling: Mithilfe von Gensequenzierung werden die molekularen Charakteristika der Tumorzelle entschlüsselt. Das Aufspüren genetischer Mutationen liefert Erkenntnisse, welche für die Wahl einer „maßgeschneiderten“ Therapie und für das Ansprechen des Patienten auf die Behandlung ausschlaggebend sind.

Neuerkrankungen: In Österreich liegt die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr aktuell bei 41.299 Fällen. Experten erwarten bis 2030 einen Anstieg auf 43.706 Erkrankungen pro Jahr. Dank verbesserter Diagnose- und Therapiemethoden geht die Krebs-Sterblichkeit zurück.

Rehabilitation: Nach einer überstandenen Krebserkrankung sind lebenslange Nachkontrollen wesentlich. Diese werden je nach Krebsart in unterschiedlichen Intervallen durchgeführt. Jeder Krebspatient kann außerdem bei der Sozialversicherung einen stationären Reha-Aufenthalt (z. B. in Münster) beantragen. Ein vielfältiges Therapieangebot – z. B. Physiotherapie oder psychoonkologische Angebote – haben zum Ziel, den Patienten zu stärken und Spätfolgen der Erkrankung zu verringern.

Screening: Das Ziel standardisierter Screeningprogramme ist es, die Früherkennung von Tumoren zu verbessern. In Tirol gibt es z. B. seit 2014 ein Brustkrebsfrüherkennungsprogramm. Allen sozialversicherten Frauen zwischen dem 45. und dem 69. Lebensjahr wird zweijährlich eine Mammographie-Untersuchung angeboten. Aktuell arbeitet eine Task-Force der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie und der Österreichischen Röntgengesellschaft an der Umsetzung eines Lungenkrebs-Screenings.

Weltkrebstag: Vor 20 Jahren wurde der Weltkrebstag auf dem „Welt-Gipfeltreffen gegen Krebs“ ausgerufen und 2006 erstmals von der Welt-Krebsorganisation und der WHO begangen. Ziel des Tages ist, durch Aufklärung das Bewusstsein der Bevölkerung zu stärken.

Quellen: MUI, MEDUNI WIEN, TT, APA


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