Maler und Bildhauer Anton Christian: „Kunst muss sinnlich sein“

Maler und Bildhauer Anton Christian wird morgen 80 Jahre alt. Zu diesem Anlass hat die TT den Künstler in seinem Atelier getroffen, mit ihm über sein bisheriges Leben und seinen künstlerischen Tatendrang philosophiert.

Maler und Bildhauer Anton Christian in seinem Atelier in Natters. Im Hintergrund sind zwei neue Arbeiten zu sehen.
© Thomas Boehm / TT

Von Gerlinde Tamerl

Natters – Dickicht, tiefe Dunkelheit. Äste knacken unter den Schuhen, Raben deuten mit argwöhnischem Blick Unheilvolles an. Schemenhaft erkennbar taucht ein Mensch auf, dem das Blut in Strömen am Körper herabfließt. Unerwartet lenkt ein starker Händedruck von dem Verletzten ab, der in Wirklichkeit nur farbenprächtig auf der Leinwand existiert. Der Maler und Bildhauer Anton Christian steht nun vor seinem Gemälde und grüßt mit wachem Blick.

Nicht nur die kräftigen Hände des gebürtigen Innsbrucker Künstlers, der morgen achtzig Jahre alt wird, versichern ungebrochenen künstlerischen Tatendrang. Auf der Werkbank in Anton Christians Atelier liegen Dutzende Farbtuben, Blätter mit Skizzen. Dazwischen Zeugnisse intensiven Nachdenkens, Zeitungsausschnitte und ein Lyrikband des griechischen Dichters Jannis Ritsos, der nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet hat.

Um sich voll und ganz auf eine aktuelle Arbeit einzulassen, dreht der Künstler, 1940 als Anton Christian Kirchmayr in Innsbruck geboren, andere Gemälde in seinem Atelier um. Geduldig warten sie dort aneinandergelehnt auf die nächste Ausstellung.

„Toni“, wie er von vielen genannt wird, liebt sein Domizil in Natters, nah am Wald gelegen, aber er sagt auch: „Als Künstler benötige ich die Natur nicht, ich brauche aber die Natur für mich selbst.“ Früher war er leidenschaftlicher Taucher, heute ist er passionierter Jäger.

Das Unterwegssein ist für Christian heute noch wichtig, um seine künstlerischen Ideen zu vertiefen. Erst vor Kurzem verbrachte er einige Zeit in der französischen Abtei Saint-Savin, berühmt für ihre Deckenmalereien aus dem 11. Jahrhundert. Die Einsamkeit, die er dort erfuhr, verarbeitete er in dem eingangs erwähnten Werk. Neben Vergänglichkeit behandelt es auch den Tod. Die Arbeit benannte er nach der französischen Abtei: „Saint-Savin“.

Rein abstrakte Kunst, ohne Gegenstand als Anhaltspunkt, erzeuge keine Emotionen. Davon ist Anton Christian überzeugt. Er pfeift auf das Gefällige, das nur den schönen Schein feiert: „Kunst ohne Aussage ist Kunst für nichts. Ich betrachte mich als Geschichtenerzähler.“ Schließlich ergänzt er an seine Werkbank gelehnt: „Kunst muss sinnlich sein, nicht magersüchtig.“

Seit Jahrzehnten verschränkt Anton Christian in seinen Zyklen das Abstrakte mit dem Gegenständlichen und reagiert auch auf aktuelle politische Ereignisse wie etwa die Flüchtlingskrise. Er mutet seinen Betrachtern einiges zu, nimmt sie aber auch gerade deshalb ernst. Für ihn ist klar: „Ich mache keine Kunst, um jemandem zu gefallen.“

Die Verletzbarkeit des Menschen durch Krankheit, Alter, Tod oder Wahnsinn sind wiederkehrende Themen in Anton Christians Werk, mit dem sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Kunsthistoriker beschäftigt haben. Magdalena Hörmann schrieb etwa: „Der Betrachter wird von Bedrohungen überschüttet, von düsteren Gewalten gerammt, auf kopflose, geschundene Existenz hingestoßen, aber trotzdem durch prächtige Malerei geführt.“

Wenn man Anton Christian fragt, warum er Künstler geworden sei, fängt er an zu lachen und antwortet: „Wahrscheinlich sind die Biografien schuld, die ich im Alter von ungefähr 15 Jahren gelesen habe, zum Beispiel die Briefe von Van Gogh an seinen Bruder. Dieses romantische Zeug hat mich berührt.“ Doch dann sagt er mit ernster Miene: „Künstler zu sein, ist ein Abenteuer. Es ist kein einfacher Beruf.“

Anton Christian kam aber nicht nur durch Bücher mit Kunst in Berührung. Sein Vater war Kirchenmaler und Restaurator. Welches Verhältnis hatten die beiden? Christian entgegnet: „Ich schätze die frühen Arbeiten meines Vaters sehr, aber als junger Künstler in den 60ern habe ich mich für abstrakte Kunst interessiert.“

Apropos wilde 60er-Jahre: Anton Christian lebte als junger Mann in den Metropolen Paris, London und New York. Während dieser Zeit machte er es seinen Betrachtern, wie er selbst sagt, nicht leicht. Er erzählt: „Ich unternahm Verrottungsversuche mit Fleisch und Früchten.“ Aus diesen Studien entwickelte er statische Objekte, oft mit Tierattributen versehen.

Nach Tirol zurückgekehrt ist Anton Christian 1972, als seine Mutter schwer erkrankte: „Die Rückkehr fiel mir nicht leicht. In London hatte ich viele einflussreiche Freunde und Kollegen, auch tolle Ausstellungen, die im Feuilleton der großen Zeitungen positiv besprochen wurden.“

Ein buchaffiner Mensch ist Christian, davon zeugen aufwändig gestaltete Bände, die er zusammen mit Schriftstellern publizierte. Er zieht ein großformatiges Opus aus dem Regal, eigentlich ein Kunstwerk. Es enthält von ihm gefertigte Drucke und Gedichte, die ihm Autor H.C. Artmann gewidmet hat. Beim Blättern sagt er: „Mir waren die Leute aus der schreibenden Kunst immer die Liebsten.“

Auch mit Autor Christoph W. Bauer verbindet Anton Christian eine lange Zusammenarbeit. Derzeit produzieren die beiden einen Film, Bauer schrieb u. a. ein Gedicht für „Die Säulen der Poesie“, eine Arbeit im öffentlichen Raum. Gemeinsam publizierten sie auch den Band „Schweben im Kopf“, der Bilder aus Christians Skizzenbüchern enthält und von Bauers Gedichten begleitet wird. Nicht nur in diesen Skizzen, auch in Christians Malerei gehen Schrift und Bild eine stete Symbiose ein.

Im kommenden September sind gleich drei Ausstellungen Anton Christian gewidmet. Die Sammlung des Volkskunstmuseums soll von seinen Arbeiten durchwirkt werden, das Rabalderhaus in Schwaz zeigt eine Fotoschau und die Schindlervilla in Telfs präsentiert grafische Werke, auch seine digitalisierten Skizzenbücher.

Und wie fühlt sich der 80. Geburtstag an? „Es ist eine unglaubliche Zahl. Hin und wieder denke ich schon darüber nach, dass das Zeitfenster nur noch ein kleines Guckloch ist.“ Beim Verabschieden fügt Anton Christian aber mit schelmischem Lächeln hinzu: „Die künstlerische Arbeit ist ein gutes Rezept gegen Demenz.“


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