Roboterunterstützte Therapie: Wo Mensch und Maschine helfen

In Hochzirl werden seit Jahren roboterunterstützte Therapiegeräte eingesetzt. Die Reha-Geräte werden immer moderner. Sie sollen Therapeuten assistieren und Patienten helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Eine Handorthese unterstützt eine Patientin bei einem Computerspiel.
© seiwald

Von Nicole Strozzi

Hochzirl –Schritt für Schritt bewegt sich der Patient auf dem Laufband vorwärts. Dabei folgt er grünen Fußspuren, die auf den Trittboden projiziert werden. Auf einer Leinwand vor ihm durchläuft er eine virtuelle Stadt und muss dabei Hindernissen ausweichen. Gurte von der Decke sichern ihn dabei.

Kaum zu glauben, dass dieser Mann noch im Dezember auf der Neurointensivstation der Innsbrucker Klinik künstlich beatmet wurde. Ein Infekt hatte sein gesamtes peripheres Nervensystem attackiert, was wiederum zu einer raschen Lähmung des ganzen Körpers führte.

Der Patient trainiert Schritt für Schritt auf dem neuesten Laufband
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„Das ist wirklich eine Parade-Rehabilitation“, freute sich Elke Pucks-Faes, die neue Primaria der Neurologie in Hochzirl gestern bei einem Rundgang durch die Robotik-Abteilung des Landeskrankenhauses Hochzirl. Die ehemals stationsführende Oberärztin trat mit 1. Dezember 2019 die Nachfolge von Leopold Saltuari an. Eine ihrer ersten „Errungenschaften“ war besagtes Laufband, ein Hightech-Gerät, auf dem Patienten z. B. nach einem Schlaganfall oder nach einem Unfall das Gehen wieder trainieren können.

Bereits seit 2001 setzt man in Hochzirl auf Roboterunterstützung in der Neurorehabilitation. Begonnen hat alles mit einem Gehroboter, mittlerweile gibt es etwa zehn Geräte. „Die Maschinen sollen aber nicht die Arbeit von Therapeuten ersetzen, sondern dort helfen, wo Grenzen sind“, betont Andreas Mayr, Leiter der Robotik-Abteilung.

Ein Patient lernt in einem Roboteranzug auf einem Lokomaten.
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Eine robotergestützte Therapie samt Computerspiel ist zum Beispiel gerade eine willkommene Abwechslung für eine junge Frau, die sich ebenfalls im Trainingsraum befindet. Mit Hilfe einer Handorthese, einer Roboterhand, versucht sie animierte Männchen mit Luftballons am Computerbildschirm zu fangen. Die Patientin soll so ihre grobmotorische Bewegung möglichst schnell wieder erlangen. 60 Prozent Trefferquote zeigt der Computer – und das trotz der vielen Zuschauer und Fotografen. Das motiviert die junge Frau, weiterzumachen.

Je nach Zustand des Patienten kommen immer anspruchsvollere Module zum Einsatz. In der Frühphase, wenn Patienten etwa nach neurochirurgischen Eingriffen oder mit schweren Folgeschäden nach Unfällen, Infektionen oder Schlaganfällen noch instabil sind oder mit Kanülen versorgt werden, können Betroffene mit einem speziellen Gerät in die senkrechte Lage gebracht und passiv durchbewegt werden. Ein so genannter Lokomat ist wiederum für jene Patienten gedacht, die bereits beweglicher sind. Dieser Gehroboter, der um die 250.000 Euro kostet, ist vor allem für die Rehabilitation der unteren Extremitäten geeignet. Ein Exoskelett, ein Roboteranzug mit Elektromotoren, bewegt die Beine auf dem Laufband etwa 50 Minuten lang. Das Gewicht des Patienten wird gestützt.

Für die oberen Extremitäten bietet sich das Training mit einem Pferde-Roboter an, der die Bewegungen des Tieres simuliert. „Durch dreidimensionale Bewegungen am künstlichen Pferderücken können Abläufe des Gehens und die Bewegung der Hüften angeregt werden“, erklärt Mayr. Das sorge u. a. für eine wiederkehrende Stabilität des Rumpfes.

Insgesamt 800 Patienten werden in Hochzirl jährlich behandelt, die durchschnittliche Liegedauer beträgt 30 Tage. 74 Patienten können gleichzeitig stationär aufgenommen werden. Neben der Motorik sind es vor allem die komplexen kognitiven, verhaltensverändernden Störungen, die dort rehabilitiert werden und für Patienten und Angehörige besonders belastend sind. „Die Behandlung ist immer individuell und besteht aus Ergo-, Physio-, Logotherapie und der Robotik“, erklärt Pucks-Faes. Drei Stunden Therapie sind pro Patient pro Tag vorgesehen. „Das können wir konventionell nicht leisten“, sagt Mayr, „Hier helfen uns die Roboter sehr.“ Für kleine Scherze, aufbauende Worte und das gute Klima sind aber nach wie vor die nichtmaschinellen Mitarbeiter zuständig.


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