Jelineks „Schwarzwasser“ am Akademietheater: Macht, Rausch, Gewalt

Jenseits von Ibiza und alledem: Die Uraufführung von „Schwarzwasser“ von Elfriede Jelinek am Akademietheater wird zu einem furiosen Ereignis der Sprachgewalt.

Martin Wuttke als Joker, als Dirigent in „Schwarzwasser“. Was tun und was passiert, wenn heimische Politiker auf einer spanischen Insel einer russischen Oligarchen-Nichte die halbe Republik verscherbeln wollen?
© APA/Horn/Burgtheater

Von Michael Sprenger

Wien – „Das Volk regiert.“ Nach dem Anschluss prangte dieser Schriftzug auf dem Parlament, das längst kein Ort der Volksvertreter mehr war. Was damals Gauhaus hieß, wird jetzt renoviert. Die Demokratie als Baustelle.

Die Bühne des Akademietheaters wird von einem anderen Schriftzug beherrscht: „Eintritt macht frei.“ Die Assoziation mit der zynischen Aufschrift am Eingang zum NS-Vernichtungslager bietet sich an, gehört wird aber auf der Bühne dann immer wieder auch „Ein Tritt macht frei“. Und es wird viel getreten in „Schwarzwasser“. Bis sich alles in einen Rausch der Gewalt, einen Rausch der Macht ergibt.

Ausgehend von den wild geäußerten Herrschaftsfantasien, heimlich aufgezeichnet in einer Villa auf Ibiza, versteht es Elfriede Jelinek, mit einem sprachgewaltigen Text die politische Gegenwart bis zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Es kommt in Zeiten von Corona einem Virus gleich: Mit Rasanz breiten sich Populismus und Rechtsextremismus aus. Ein rosa Gorilla tritt auf, kommt ins Schwärmen, wenn er über die Kunst der verführerischen Gewalt spricht. Von der Stadthalle wird erzählt, vom jungen Gott. Das Bild von Sebastian Kurz entsteht im Kopf, wenn Caroline Peters im Gorillakostüm spricht. „Die Sanftmut dieses jungen Gottes ist gespielt. Ich sage Ihnen was, das müssen sie erst zusammenbringen, Sanftmut zu spielen.“

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Jelinek verknüpft die Auswüchse von Ibiza, den NSU-Terror in Deutschland oder die Politik des Donald Trump mit der Philosophie des René Girard („Das Heilige und die Gewalt“) und dem antiken Drama „Die Bakchen“ von Euripides, wo der Verführer Dionysos seine Anhänger dazu bringt, alles niederzumetzeln, wenn seine Gegner zu Tieren erniedrigt und als Tier behandelt werden.

Während die Kinder lächerlich gemacht werden, weil sie auf Nachhaltigkeit pochen, um die Klimakatastrophe zu verhindern, wird das politische Klima vergiftet. „Was drinnen ist, muss raus“, sagt Martin Wuttke am Beginn eines furiosen Theaterabends. Und es kommt vieles raus, alles raus. Es wird rauschhaft, wenn Wodka mit „Kraftmeiergetränk“ gemixt wird. Die, die keinen Namen tragen im Stück, aber man kennt sie alle, agieren immerzu im Namen des Volkes. „Das Volk hat bestimmt. Das Volk hat uns bestimmt.“

Das Volk regiert. Eintritt macht frei.

Der junge Gott und die alten Kämpfer lieben es, Opfer zu erzeugen, sich als Opfer darzustellen. „Opfer sein ist schön. Opfer beginnen, die Lage selbst in die Hand zu nehmen, das machen wir jetzt, selbst ist das Opfer.“

Das von Fäkalien getränkte „Schwarzwasser“ wird in einer fantastischen Uraufführung dramatisch geklärt. Neben vier wunderbaren Schauspielern, neben Wuttke und Peters also Felix Kammerer und Christoph Luser, agiert ein durchdringender Chor auf der Bühne. Getragen und getrieben wird das Stück aber von der Sprache. Schauspieler schlüpfen in die Rollen von Brandstiftern, Volksverführern, Gesetzesmachern, Göttern. Dramaturgisch spielerisch wird die Tragödie immer wieder von einer bitterbösen Komödie abgelöst. Das Publikum unterbricht dieses Wechselspiel mit Beifall.

Regisseur Robert Borgmann hat sich die Freiheit genommen, den Textteppich aufzuknöpfen. Übrig geblieben ist ein dreistündiges Theaterstück. Nicht immer ist der Einfallsreichtum Borgmanns – wie der Auftritt des Hofmalers Velázquez – mit Jelineks Moral in Einklang zu bringen. Aber egal. Am Ende möchte man weinen, möchte man lachen. Aber es gelingt nicht. Man entscheidet sich stattdessen für anhaltenden Applaus.


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