Debütroman „Scham“: Schweigen als schlechte Gewohnheit

Die französische Autorin Inès Bayard erzählt in ihrem Debütroman „Scham“, wohin ein Frauenleben ohne Aufbegehren führen kann.

Die Schriftstellerin Inès Bayard wurde 1992 in Toulouse geboren und lebt derzeit in Berlin. „Scham“ ist ihr erster Roman.
© Deborah Morier

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck –Ein etwa acht Monate altes Kind sitzt in einem Hochstuhl am Frühstückstisch und freut sich auf sein Kompott, doch die Mutter hat Scheußliches mit dem ahnungslosen Wonneproppen vor. Sie will den Buben vergiften. Schon nach der allerersten Seite des soeben auf Deutsch erschienenen Debütromans „Scham“ (Zsolnay) der 1992 geborenen französischen Autorin Inès Bayard will man eigentlich den Buchdeckel zuschlagen, vor diesem Text flüchten. Man tut es aber nicht, weil schon der erste Absatz dieser monströsen Eingangsszene die schriftstellerische Begabung dieser jungen Autorin offenbart. Mit ihrer chirurgisch präzisen Sprache trifft Bayard mit wenigen Worten tief ins Mark. Es überrascht also nicht, dass ihr Erstling 2018 auch auf der Longlist des renommierten Prix Goncourt stand.

Hauptfigur des Romans ist die wohlerzogene, junge Bankerin Marie, in bürgerlichen Pariser Verhältnissen aufgewachsen, aber auf echte Krisen in ihrem Leben nicht vorbereitet. Auf dem Weg zur Arbeit beobachtet sie staunend die Proteste der Gelbwesten. Widerstand, Ungehorsam sind ihr fremd. Marie erledigt ihre Arbeit in der Bank vorbildlich und verwöhnt ihren Mann Laurent, indem sie aufwändige Gerichte kocht und die Hausarbeit zur Gänze allein erledigt. Doch dann geschieht das Unfassbare: Marie wird eines Abends von ihrem Vorgesetzten nach Hause gebracht und von ihm brutal vergewaltigt. Anstatt zur Polizei zu gehen, schweigt die junge Frau, nur der Leser wird Zeuge ihrer Schmerzen und ihrer Scham. Ihr Mann Laurent, zu sehr mit sich selbst beschäftigt und letztlich empathielos, ahnt nichts von der Katastrophe, die im Verlauf des Romans ungeahnte Ausmaße annehmen wird.

Bayards Debüt analysiert bekannte, aber trotzdem nicht weniger fatale Verhaltensmuster einer bürgerlichen Gesellschaft, die für den schönen Schein bereit ist, alles zu geben, sich sogar selbst zerfleischen würde. Auch Bayards Figuren zelebrieren das Schweigen aus Angst vor der Wahrheit, und Maries Scham verhindert jegliches Aufbegehren. Schicht um Schicht offenbart dieser brutale, aber dennoch feinfühlige Text Ängste, Erpressung und gesellschaftliche Tabus und erzählt schließlich auch von der zerstörerischen Kraft der Sprachlosigkeit, die jedes Unglück noch größer werden lässt. Der vor Kurzem verstorbene Lyriker Christoph Meckel fand dafür besonders treffende Worte: „Das Schweigen ist eine schlechte Gewohnheit und schützt die Geheimnisse nicht.“

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