„Into the Night“: Nächtliche Inspiration bei Tango und Jitterbug

Ab ins Nachtcafé: Das Wiener Belvedere begibt sich mit „Into the Night“ auf Spurensuche nach den Vergnügungsstätten der Avantgarde.

Rudolf Schlichters „Damenkneipe“ (um 1925) zeigt das Nachtlokal als alternative Lebenswelt.
© Roehr/akg-images

Von Bernadette Lietzow

Wien –Wien und Paris, Berlin und Teheran, Zürich und Mexiko-Stadt, Osogbo (Nigeria) und Rom: All diese Städte und einige mehr verfügten über Kraftorte für Künstlerinnen und Künstler auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Die Ausstellung „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“, entstanden als Kooperation des Belvedere mit dem Londoner Barbican Centre, wo sie bis zum 19. Jänner lief, lädt ein zu einer Zeitreise durch Künstlerkneipen, Clubs und Cabarets der 1880er- bis in die 1960er-Jahre.

Das Publikum betritt die barocken Hallen des Unteren Belvedere, um flugs in Montmartre zu landen. Bahnbrechend war das legendäre „Chat Noir“, in dem sich die gesellschaftskritische, literarische wie künstlerische Pariser Avantgarde traf. Die Ausstellung erweckt im Rahmen einer großzügigen Installation Henri Rivières raffiniertes „Schattentheater“ zum Leben, mit Henri de Toulouse Lautrecs geheimnisvollen Lithografien und zeitgenössischem Filmmaterial wird an die mit Kostüm, Bewegung und Licht experimentierende Tänzerin Loïe Fuller erinnert.

Kurz und intensiv, von 1912 bis 1914, währte die Ära des Londoner Clubs „Cave of the Golden Calf“, als „Palast für alle Künste“ gegründet von der österreichischen Schriftstellerin Frida Strindberg. Künstler wie Spencer Gore oder Wyndham Lewis gestalteten Plakate und Wandgemälde, ausgelassene Rag-Time-Sessions und Auftritte von Stars wie dem italienischen Futuristen Marinetti etablierten das „Goldene Kalb“ als Tempel der Londoner Boheme.

Marinetti war übrigens auch Gast eines weiteren Etablissements, das in „Into the Night“ seine beeindruckende Auferstehung erfährt. Das „Bal Tic Tac“ in Rom sollte der Künstler Giacomo Balla, entsprechend seines mit Fortunato Depero verfassten Manifests „Die futuristische Neukonstruktion des Universums“, mit Gemälden gestalten, die den Eindruck erweckten, „als tanzten selbst die Wände“. Pittoreske Möbel und zahlreiche Artefakte gemahnen an den zweiten römischen Hotspot, das mit den Bildern von Dantes „Inferno“ spielende „Cabaret del Diavolo“.

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Ein paar Meter nur, und man verlässt Europa, um in das soeben unabhängig gewordene Nigeria der „Sixties“ einzutauchen. Ausstellungsarchitektonisch ansprechend rekonstruiert stellt sich die ungeheuer produktive Kunst-Welt der Mbari-Clubs von Ibadan und Osogbo vor – belegt mit den subtilen Arbeiten unter anderem von Twins Seven-Seven, Zeichnungen, Filmen und Fotografien.

Ähnlich der afrikanischen Avantgarde suchten auch ihre mexikanischen Kollegen, Gäste des „Café de Nadie (Café Niemand)“ in Mexiko-Stadt, in den 1920ern nach einer Verbindung von Tradition und Moderne, siehe Germán Cuetos Karton-Masken.

Und Österreich? In der Orangerie, kurz vor dem Verlassen der gelungenen Würdigung extrem fruchtbaren künstlerischen Nachtlebens, macht man Station im (fast echten) „Cabaret Fledermaus“: Gemeinsam mit der Universität für angewandte Kunst gelang der berückende Nachbau des mit Tausenden bunten Fliesen ausgestatteten Gesamtkunstwerkes, zu dem Josef Hoffmann, Bertold Löffler oder Oskar Kokoschka beitrugen.


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