„Radetzkymarsch“: Todgeweihte bitten zum letzten Tanz

„Radetzkymarsch“: Noch bis Sonntag im Bozner Stadttheater.
© Conci

Bozen – Jetzt geht die Monarchie auch in Bozen unter. Nach dem Burg-, dem Tiroler Landestheater und zuletzt dem Theater in der Josefstadt haben auch die Vereinigten Bühnen Bozen ihren „Radetzkymarsch“, nach Joseph Roths epochalem Epochenroman. Untergangsentwürfe, man mags kaum anders sagen, sind das theatrale Gebot der Stunde. Roth trug K. u. K. zu Grabe. Als sein Roman 1932 erschien, formierten sich die nächsten Totengräber. Im Bozner „Radetzkymarsch“ fällt irgendwann der Name Berlusconi, der für so vieles, was die Welt von heute umtreibt, Folie war: Von faktenbefreiter Mediokratie bis zur Klage über die „roten Netzwerke“.

Aber, der Reihe nach: Inszeniert wurde dieser „Radetzkymarsch“ von Rudolph Frey, der zuletzt am Landestheater mit Molière durchaus anregende Mühe machte und bald im Theater praesent debütieren wird. Im Verbund mit Choreograf Marcel Leemann zerrt er Roths Roman nicht zwanghaft in die Gegenwart, sondern hebt die Prosa ins Exemplarische. Ganz konkret etwa, indem er den Prolog, die „Heldentat von Solferino“ als vielstimmige Sprechperformance des ganzen Ensembles komponiert: Auf einer Probebühne erlebt man mit, wie eine Geschichte Mythos wird. Dann erst geht es hinein in den eigentlichen Bühnenraum, der sich in den folgenden gut drei Stunden immer weiter öffnen wird. Diese Welt von gestern ist wüstes Land: Sand, Staub, ein Pferdekadaver (Bühne: Vincent Mesnaritsch).

Noch strahlt die Sonne. Man ahnt, dass sie vom Himmel fallen wird. Doch, Vorahnungen hin oder her, man folgt dem Untergangswalzer wie gebannt. Dass er sich langsam Schritt für Schritt, Stolpern für Stolpern entfaltet, macht den Tanz der Todgeweihten noch eindrücklicher.

Und gestolpert wird viel. Auch weil das Ensemble nicht nur Figuren spielt, sondern in hauchzart historisierten Kostümen (Elke Gattinger) den Kommentar gleich mitliefert, Einwürfe macht, die Handlung weitertreibt, das Untergangsuhrwerk am Laufen hält. Der alte Kaiser beispielsweise ist sich selbst zur bloßen Idee geworden. Und so spielt ihn Alexander Ebeert auch: Nicht mehr von dieser Welt. Das Blech, das – wie gesagt – irgendwann vom Himmel donnert, droht ihn zu zerdrücken. Oder Elke Hartmann, die gleich alle Frauenfiguren übernimmt. Und dadurch auch ausstellt, was sich bei der Rothlektüre schwer ausblenden lässt: austauschbar einfältige Dummchen, wohin man schaut. Dominik Raneburger, der als Carl Joseph von Trotta, sinnbildlich stupide sterben darf, ist als Militär wider Willen überzeugend wankelmütig, Lukas Lobis als Franz von Trotta auch sprachlich ein Ereignis: Er spricht die Worte nicht nur, er wälzt sich forschend durch die Sätze.

In gleich mehreren Rollen stark: Hannes Perkmann, Peter Schorn, Roman Blumenschein, Max. G. Fischnaller und Fabian Schiffkorn. Letzterer zeichnet auch für die Bühnenmusik verantwortlich, die mehr als ein Schärfchen dazu beiträgt, dass manche Szenen lange nachwirken. (jole)


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