Beethoven jenseits des Klischees

Violinist Christian Tetzlaff und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen im Meisterkonzert.

Christian Tetzlaff (Bildmitte), einer der spannendsten und gefragtesten Geiger unserer Zeit, kann wohlbekannte Werke in völlig neuem Licht zeigen. In Innsbruck eröffnete er seinen Zugang zu Beethoven.
© Anja Falch

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Christian Tetzlaff hat Beethovens Violinkonzert mehr als 340-mal gespielt und dreimal auf CD herausgebracht. Der Musiker, für den der Begriff „Weltklassegeiger“ entschieden zu kurz greift, kann einem Werk immer wieder neu begegnen. Am Montag war er im Congress mit Beethovens Violinkonzert live zu erleben. Wichtiger Partner war ihm die Deutsche Kammer­philharmonie Bremen mit Konzertmeister Florian Donderer, der als versierter Ensembleleiter vom ersten Pult aus dann auch Beethovens Siebte Symphonie vorüberjagen ließ.

Tetzlaff geht mit unglaublicher Intensität, Präzision und überragender Virtuosität an das klippenreiche Stück heran, spannungsvoll, detailversessen. Er präsentiert es nicht als Kraftakt, sondern entschlackt, hochpoetisch mit expressiven Aufschwüngen.

Im langen ersten Satz gehört die Melodie dem Orchester, sie wird von der Violine nur umspielt. Tetzlaff schiebt sich nicht in den Vordergrund, hält aber den Satz in Fluss. Wenn dann nach der Kadenz die Stunde der Geige gekommen ist und die Melodie ganz ihr gehört, spielt sie Tetzlaff mit unfassbarer Zartheit und Schönheit.

Das ist schon Vorbereitung für das Larghetto subito, dem Tetzlaff entrückt spirituellen Charakter gibt. Mit einem Knalleffekt stürmt er in das finale Rondo, variiert unerschöpflich das wiederkehrende Thema, fesselt mit seinem edlen Ton, den Spannungsmomenten im Vibrato-Einsatz, dem Farbwechsel, der rhythmischen Abwechslung.

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Und dann kommt Humor auf. Seine Kadenzen des ersten und dritten Satzes, ungewöhnlich und modern, fußen auf Beethovens Kadenzen, geschrieben für seine Klavierfassung des Violinkonzertes.

Tetzlaff fängt mit Energie, frischem Zugang und Witz, mit der lyrischen Verzauberung seiner Geige das Publikum ein, das nach dem ersten Satz mit spontanem Gemurmel sich mitteilen muss und am Ende laut aufschäumt. Tetzlaff hat in dieser Sternstunde bewegt und den Zugang zu Beethoven jenseits des Klischees geöffnet.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen nahm ihren bedeutenden Part wahr und gab dem Solisten Raum. Die Ausgelassenheit des letzten Satzes nahm das Ensemble mit ungebremster Spielfreude mit in die Siebte Symphonie, durchmaß sie mit aller mitreißenden Orchestervirtuosität, dynamisch und bar jeder Gefälligkeit, stets dem vorgeschriebenen Vivace, Prest­o und Con brio gehorsam, aber auch das Geheimnis des zweiten Satzes opfernd.


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