BKH Reutte will sich zum Refluxzentrum entwickeln

Kooperation und Spezialisierung, das ist für Primar Edward Shang die Erfolgsformel für wohnortnahe Topmedizin. Diese wird ausgebaut.

Primar Edward Shang, seit acht Monaten Leiter der Abteilung für Chirurgie am BKH Reutte, hat klare Ziele.
© BKH Reutte

Von Simone Tschol

Ehenbichl – Routine ist für ihn Stillstand. Edward Shang, seit 1. Juni 2019 Leiter der Abteilung für Chirurgie am BKH Reutte, hat am Außerferner Spital genau das gefunden, was er gesucht hat: kurze Wege, kleine Teams. „Das ist perfekt. Das Haus hat natürlich einen großen Versorgungsauftrag für die Außerferner Bevölkerung. Aber neben der Basisversorgung gilt es auch größere Erkrankungen möglichst wohnortnah zu behandeln. Damit erspart man nicht nur den Patienten, sondern oft auch den Angehörigen den Weg über den Fernpass, was auch die Lebensqualität erhöht“, erklärt Shang im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Die Erfolgsformel liegt für Shang dabei klar auf der Hand. Es ist die Summe aus Kooperation und Spezialisierung. „Das Fundament in puncto interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde längst gelegt. Wir müssen diese fortführen und professionalisieren. Aber hier sind wir auf einem guten Weg“, meint der Primar. Er nennt auch gleich ein Beispiel für erfolgreiche Kooperation über diverse Fachrichtungen hinweg. „Kürzlich hatten wir eine Patientin mit Enddarmkrebs, der bereits bis in die inneren Genitalien reichte. Hier war die Kooperation mit der Gynäkologie absolut erfolgsentscheidend. Wir haben sowohl den Enddarm als auch die Gebärmutter mittels Laparoskopie operativ entfernt. Man kann sich vorstellen, wie lange bei einem herkömmlichen Eingriff die Erholungszeit gedauert hätte. In unserem Fall war die Betroffene innerhalb einer Woche wieder fit.“ Und damit liegt für Shang auch klar auf der Hand, dass Spezialisierungen, wie etwa im Bereich der OP-Techniken, maßgeblich zum künftigen Erfolg des Hauses beitragen werden. Neben der minimalinvasiven Chirurgie sollen Erkrankte auch vom Know-how auf anderen Gebieten profitieren. 50 Patienten werden pro Tag an der Chirurgischen Ambulanz betreut. Dienstags und donnerstags sind zudem Spezialsprechstunden eingerichtet. Shang: „Die Ambulanz platzt förmlich aus allen Nähten. Daher machen wir uns sehr viele Gedanken, wie wir die Behandlungen weiter optimieren können.“

Neben den bereits eingerichteten Spezialsprechstunden zu den Themen minimalinvasive Chirurgie sowie jener zu Varizen (Krampfadern) soll künftig auch der Proktologie (Erkrankungen des Enddarms) noch mehr Aufmerksamkeit zukommen. Shang: „Das ist ein heikles Thema. Über den Po spricht ja keiner gern – weder jung noch alt.“ Auch in der Zusammenarbeit mit der Abteilung für Innere Medizin wird der Schwerpunkt auf der Gastro­enterologie (Diagnostik, Therapie und Vorsorge von Erkrankungen des gesamten Magen-Darm-Traktes und der Leber) liegen. Erste Gespräche mit dem künftigen Primar Patrick Loidl wurden bereits geführt.

Noch heuer will Shang auch eine interdisziplinäre Reflux-Sprechstunde einführen. „In der westlichen Bevölkerung leidet jeder dritte Mensch an Reflux, vielen als Sodbrennen bekannt. Bislang wurde dies mit Medikamenten behandelt. Es hieß immer, diese hätten keine Nebenwirkungen. Inzwischen weiß man, dass dies nicht stimmt. Es gibt aber ein minimalinvasives chirurgisches Verfahren, mit dem der Rückfluss der Magensäure in die Speiseröhre verhindert werden kann“, erklärt der Chef der Chirurgie. In Deutschland gebe es bereits Refluxzentren, in Österreich seines Wissens nur eines, in Tirol keines. Hier wollen sich Shang und sein Team – bestehend aus neun Ärzten und 27 Pflegekräften – über die Bezirksgrenzen hinaus einen Namen machen. Ebenso auf dem Gebiet der Fluoreszenz-Technik. Shang: „Hier arbeiten wir eng mit einem Nuklearmediziner in Telfs zusammen. Spezielle Farbstoffe helfen dabei, Tumore noch besser darzustellen. So können wir die Durchblutung des Gewebes, das zu entfernen ist, genau erkennen und vermeiden es, undurchblutetes Gewebe zurückzulassen.“

Zwar habe die Komplexität der Behandlungen zugenommen. Neue Technik mache aber auch neue Ansätze möglich. „Wir haben schon viel geschafft, sind sogar weiter, als ich anfangs gedacht habe“, zieht Shang nach achteinhalb Monaten am BKH Reutte zufrieden Bilanz. „Ein zufriedenstellendes Ergebnis ist für mich aber nicht akzeptabel. Es muss das bestmögliche für den Patienten sein“, so der Perfektionist, den nur die Personalsituation bremsen könnte.


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