Den Schluck wieder genießen: Land fördert Früherkennung bei Schluckstörungen

Kopf-Hals-Tumor-Patienten leiden nach der Therapie oft an Schluckstörungen. Dies kann bis zur künstlichen Ernährung führen. Das Land Tirol fördert nun ein Konzept zur Früherkennung.

Durch Schluckstörungen kann beim Trinken Flüssigkeit in die Luftwege gelangen.
© iStock

Von Manuel Lutz

Innsbruck –Das Trinken von einem Glas Wasser geht nebenbei und ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich. Dass dies plötzlich nicht mehr möglich ist, klingt für so manchen abstrakt. Für Menschen mit einem Karzinom im Kopf-Hals-Bereich kann dies im schlimmsten Fall aber zur Realität werden.

Die Anzeichen für einen Tumor dieser Art können die unterschiedlichsten sein. „Schluckbeschwerden, Fremdkörper- und Kloßgefühl im Hals, ins Ohr ausstrahlende Schmerzen, Husten – manchmal mit Blutauswurf –, Heiserkeit, Schmerzen oder Kratzen im Hals sowie Knotenbildung am Hals sind mögliche Anzeichen“, nennt Oliver Galvan von der Universitätsklinik Innsbruck für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen (HSS) Beispiele.

In Tirol werden jährlich rund 140 solcher Krebsdiagnosen gestellt. „Dadurch entstehen Funktionsstörungen in der Mundhöhle, im Rachen und im Kehlkopf.“ Die erforderliche Therapie hat aber oft unangenehme Konsequenzen für Betroffene.

Denn eine Operation oder Strahlenbehandlung verändert Struktur und Funktion der beteiligten Muskeln, Blutgefäße, Nerven und Schleimhaut. Das kann sofort oder in der Folge Schluckstörungen auslösen. „Die Probleme treten in bis zu 70 Prozent der Fälle innerhalb von zehn Jahren nach Beendigung der Therapie auf. Es sind aber auch noch Jahre später Veränderungen möglich, die ernsthafte Probleme bereiten können“, sagt Galvan.

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Oliver Galvan
© Walser/Tirol Kliniken

Aber auch bereits vor oder während der Behandlung sind Schluckstörungen durch den Tumor selbst möglich. „Dies beeinträchtigt nicht nur die Durchführbarkeit der Therapie, sondern auch das Essen in der Öffentlichkeit sowie mit der Familie. Soziale Kontakte leiden darunter, die Lebensqualität sinkt. Das führt bis zum Rückzug aus der Öffentlichkeit und zur Isolation“, weiß der Mediziner.

Es kann passieren, dass Patienten das Verschlucken nicht mehr oder kaum noch spüren.
Oliver Galvan (Oberarzt)

Darüber hinaus kann Schlucken sogar gefährlich werden – denn Essen, Getränke oder Speichel gelangen in die Luftwege. „Es kann passieren, dass Patienten das Verschlucken nicht mehr oder kaum noch spüren. Dadurch entstehende Lungenentzündungen können zu wiederkehrenden stationären Aufenthalten und schließlich auch zum Tode führen“, so Galvan.

Verlernen Patienten das Schlucken, sind sie von einer Ernährungssonde abhängig. Die Lebensqualität geht damit verloren. „Der Betroffene muss nach der Behandlung zurück zur Normalität geführt werden – also dass er selbst wieder essen kann.“

Aus diesem Grund wurde das Projekt „Screening von Dysphagie (Schluckstörung; Anm.) bei PatientInnen mit Karzinomen im Kopf-Hals-Bereich“ an der Klinik ins Leben gerufen. „Ziel des Projektes ist es, Schluckstörungen rechtzeitig zu erkennen und eine individuelle Betreuung einzuleiten. Zusammen mit den Kollegen der HNO-Klinik, die die Tumortherapie und Nachbetreuung durchführen, haben wir im vergangen Jahr das Konzept entwickelt.“

Durch die Zusage der Unterstützung vom Tiroler Gesundheitsfonds des Landes Tirol konnte nun mit der Umsetzung begonnen werden. Heißt konkret: „Ein neuer Patient mit einem Tumor wird an die Logopädie der HSS-Klinik überwiesen“, so Galvan. Und: Mit dem öffentlichen Geld konnten unter anderem Geräte zur Dehnung der Mundöffnung sowie Biofeedback-Apparaturen angeschafft werden.

Im Rahmen der Logopädie kommt es zu einer Beurteilung durch standardisierte Tests. „Das Vorliegen einer Schluckstörung findet zuerst mittels eines Wasserschlucktests statt. Sollte das Screening auffällig sein – wenn der Patient hustet oder sich räuspert, also sich verschluckt hat –, wird eine weitere Abklärung eingeleitet.“ In weiterer Folge wird entweder zu einer Endoskopie mit Schluckdiagnostik (FEES) oder zur Durchführung eines Videoschluckröntgens übergegangen.

Ob auffällig oder nicht, eine logopädische Behandlung mit unterschiedlichen Übungen ist fixer Bestandteil. „Damit trainiert man die Schluckmuskulatur und beugt späten Veränderungen vor.“ Ein Beispiel: Der Patient hält die Zungenspitze zwischen den Zähnen fest und schluckt in dieser Position. Durch dieses Manöver kann die Kraft des Zungengrundes trainiert und die Speise sicherer transportiert werden. Die Übungen muss man auch zuhause alleine trainieren – quasi wie die Hausübung in der Schule. „Es hängt davon ab, wie intensiv der Patient mitarbeitet.“ Auch während und nach Abschluss der Bestrahlung werden die Patienten kontrolliert.

Generell macht eine Routineuntersuchung Sinn. Denn 70 Prozent der Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren der HNO-Klinik Innsbruck stellen sich erstmals in fortgeschrittenem Stadium vor. „Warnsignale werden offensichtlich häufig verharmlost oder verdrängt. Manchmal ist der Tumor dann so groß, dass die Betroffenen kaum noch schlucken oder atmen können“, weiß Galvan aus Erfahrung.


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