„Schule 2030“: Das alte Klassenzimmer wird der neuen Schule nicht gerecht

Alles verändert sich, nur das Modell Schule bleibt gleich. Laut dem Experten Olaf-Axel Burow müssen Lernkonzepte neu gedacht werden.

In der Schule der Zukunft ist Frontalunterricht nicht für jedes Fach die richtige Methode.
© Getty Images

Von Elisa Mair

Innsbruck – Auf dem Kongress „Schule 2030“ haben sich am Mittwoch und Donnerstag rund 200 Lehrkräfte in Innsbruck mit dem Thema gute, gesunde und nachhaltige Schule beschäftigt. In Ideenwerkstätten wurden Inspirationen für die Schule der Zukunft gesammelt. Im Rahmen eines Vortrags skizzierte der Lehrer und Erfolgsautor Olaf-Axel Burow sieben Trends, die die Zukunft der Schule maßgeblich verändern werden.

Warum ist das Modell Schule, so wie wir es kennen, Ihrer Ansicht nach hinfällig?

Olaf-Axel Burow: Die Lebensumwelt, in der wir leben, hat sich verändert – Stichwort Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Nur das schulische Modell ist gleich geblieben und gleicht einer Fabrik. Schüler werden je nach Alter in Klassen gesteckt und hinten raus je nach Können und Abschluss aussortiert. Der Leistungsunterschied innerhalb einer Klasse ist oft zu groß.

Wie sieht der Unterricht von morgen aus?

O.-A. Burow: Es geht weniger um die Wissens­aneignung oder das Auswendig-Lernen. In Zeiten der Digitalisierung muss den Schülern vermittelt werden, was die Quellen seriösen Wissens sind und wie mit Quellen wie Wikipedia umgegangen werden kann. Die Schüler müssen lernen, kritisch zu denken und problemlösend zu handeln. Natürlich ist Wissen immer noch wichtig, ein Teil der Wissensvermittlung sollte aber ausgelagert werden.

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Sie nennen die Demokratisierung als einen Trend, der die Schule revolutionieren wird. Wie kann Demokratie in den Schulen vermittelt werden?

O.-A. Burow: Demokratisierung hat nichts damit zu tun, 45 Minuten die Schulbank zu drücken und fünf Minuten Zeit zu haben, um aufs Klo zu gehen. Es braucht Projekte, wo sich Schüler aktiv beteiligen. Ein Beispiel ist die Fridays-for-Future-Bewegung, wo Schüler freitags die Schule verlassen, um über ihre Zukunft zu diskutieren. Es zeigt, dass sie diese gestalten wollen und vor allem auch können.

Wie müssen sich die Räumlichkeiten an die Schule von morgen anpassen?

O.-A. Burow: Offene Klassen wie beispielsweise ein Gymnasium in Kopenhagen können eine Möglichkeit sein. Die einzigen Türen, die es in dem Gebäude gibt, sind jene zu den zwölf Toiletten. In manchen Schulen funktionieren solche Lernateliers wunderbar. Wir müssen den Schülern mehr Raum geben, eine „Maker-Space“, um eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Wichtig ist, dass sich der Raum an das Lernkonzept der Schule anpasst.

Hat das alte Klassenzimmer demnach ausgedient?

O.-A. Burow: Das Klassenzimmer, wie wir es kennen, wird den neuen Anforderungen nicht gerecht. Dabei darf man nicht vergessen, dass Lehrer nur das umsetzen können, wofür sie selbst bereit sind. Ein Lehrer, der nicht gern Neues über sich selbst herausfindet und Ungewissheit meidet, ist in einer offenen Lernlandschaft verloren.

Rund ein Drittel der Lehrer erkrankt am Burnout-Syndrom. Wie können zukünftige Schulmodelle darauf reagieren?

O.-A. Burow: Laut Studien sehen sich Lehrer sowie Schüler mit einer hohen Belastung konfrontiert. Deshalb muss die Schule der Zukunft eine gesunde Schule sein. Ich sehe großes Potenzial im selbstgesteuerten Arbeiten. Lassen wir Schüler in Teams in ihrem Tempo Sachverhalte selbst erarbeiten: Die einen langweilen sich weniger schnell und für die, die persönliche Unterstützung brauchen, bleibt mehr Zeit. Der Lehrer ist somit nicht mehr der Entertainer, der vorne steht, sondern einer, der im Hintergrund agiert und Lernprozesse sowie -umgebung gestaltet und analysiert. Er wird also zu einem Schulentwickler.

Was ist die größte Herausforderung für die Schule 2030?

O.-A. Burow: Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, Kinder wären „digital nativs“, sie sind vielmehr „digital naivs“. Sie können ihr Handy zwar bedienen, aber sich kompetent Wissen aneignen, das können viele nicht. Das Problem ist, dass viele Lehrer darin nicht geschult sind. Die Fortbildung der Lehrer, vor allem auch der Schulleitung, ist aber notwendig, um eine zukunftsorientierte Denkweise zu entwickeln und um auf die Trends der Zukunft reagieren zu können.


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