„My Salinger Year“: Klarstellung ohne Knalleffekt

Die 70. Berlinale eröffnet mit einer ruhigen Hommage an die Welt der Literatur. In „My Salinger Year“ geht es um eine junge Schriftstellerin und einen alten Star.

Sigorney Weaver spielt in „My Salinger Year“ eine strenge Chefin, Margaret Qualley (im Hintergund) eine ambitionierte Leserbrief-Beantworterin.
© Berlinale

Von Marian Wilhelm

Berlin – Die diesjährige, 70. Berlinale begann mit einer Klarstellung. Jury-Präsident Jeremy Irons machte reinen Tisch in Bezug auf die Themen sexueller Missbrauch, gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung, zu denen er im Vorfeld mit früheren Äußerungen konfrontiert wurde. Er unterstütze die weltweite Bewegung für Frauenrechte und die Ehe für alle. Auf seine Jury-Tätigkeit habe seine Haltung aber wenig Einfluss. Manche der Wettbewerbsfilme würden vielleicht von diesen Themen handeln, wählen würden er und seine Kolleginnen und Kollegen „Filme mit Herz“, die durchaus bestehende Vorurteile herausfordern.

Die diesjährige Jury verspricht jedenfalls sehr unterschiedliche Zugänge zum Weltkino, das wurde bei der Pressekonferenz klar. Regisseur Kleber Mendonça Filho betonte seine Solidarität mit der unter dem rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro unter Beschuss geratenen, erfolgreichen Filmindustrie Brasiliens. Gerade das Genrekino habe einen speziellen Platz in seinem Herzen.

Diese Diversität der Jury könnte bei der Vergabe der Bären zu interessanten Entscheidungen führen. Die palästinensische Filmemacherin Annemarie Jacir wuchs als Kind in Saudi-Arabien in einem Land ohne Kino auf, „mit nur fünf VHS-Kassetten“, die ihre Liebe zum Film befeuerten. „Ich mag auch Filme mit Fehlern, wenn sie mich etwas fühlen lassen.“

Die Jury der 70. Internationalen Filmfestspiele von Berlin: Bettina Brokemper, Luca Marinelli, Berenice Bejo, Jeremy Irons (Vorsitz), Kenneth Lonergan, Annemarie Jacir und Kleber Mendonça Filho (von links).
© AFP

Eröffnet wurde die Berlinale gestern Abend mit „My Salinger Year“. Ein unspektakulärer Start, eine ruhige Geschichte, die mehr zu bieten hat, als es zunächst den Anschein macht. Anders als in früheren Jahren ist der Film nicht Teil der Wettbewerbsauswahl. Regisseur Philippe Falardeau adaptiert die Memoiren der Autorin Joanna Rakoff. Es ist die Geschichte ihrer Selbstfindung. Doch darüber schwebt der Schatten des abwesenden berühmten Schriftstellers J. D. Salinger, dessen Fanpost Joanna (Margaret Qualley) beantworten soll. „Der schwierige Teil war, den Fokus nicht auf Salinger zu richten, sondern auf die junge Frau“, meinte Regisseur Falardeau. Er wollte einen „stillen emotionalen“ Film machen. Sigourney Weaver glänzt in der Rolle von Joannas strenger Chefin. Margaret Qualley zeichnet eine Protagonistin, die mit ihren eigenen literarischen Ambitionen kämpft: „Ich bin selbst mit 16 Jahren nach New York gegangen, um meine Träume zu verfolgen, und konnte Joannas Erfahrungen, sich von dieser Stadt inspirieren zu lassen, gut nachvollziehen.“

Der Film fängt die Stimmung der New Yorker Verlagswelt der 90er-Jahre ein: Computer werden noch misstrauisch beäugt, der Aufbruch ins Internet-Zeitalter hat erst begonnen. Dieser Umbruch sei noch immer im Gange, bemerkte Falardeau nach der Aktualität gefragt. Außerdem sei es, so die echte Joanna Rakoff bei der Pressekonferenz in Berlin, eine Geschichte über Frauen, wie man sie nicht oft sehe.

Der neue Programm-Chef der Berlinale, Carlo Chatrian, beweist mit seinem unaufgeregten Erzählfilm durchaus seinen Willen, die Macht über das Scheinwerferlicht des Festivals auch schweifen zu lassen. Provokanter Kunstfilm oder Kommerzkracher ist „My Salinger Year“ keiner. Für die wird es in den kommenden zehn Tagen Gelegenheiten genug geben.


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