70. Berlinale startet mit Eröffnungsgala

Ab Donnerstagabend regiert in Berlin wieder der Film. Die Berlinale startet mit der von Samuel Finzi moderierten Eröffnungsgala und Philippe Falardeaus „My Salinger Year“ in ihre 70. Ausgabe. Dabei verantworten die heuer bis zum 1. März laufenden Festspiele erstmals das neue Leitungsduo bestehend aus Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. 340 Filmwerke stehen auf dem Programm.

18 Beiträge stehen im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Aus Österreich ist hierbei zwar kein Werk vertreten, dafür hat Sandra Wollner in der neuen Wettbewerbsschiene „Encounters“ mit ihrem Sci-Fi-Film „The Trouble With Being Born“ Chancen auf eine Trophäe. Außerdem sind zahlreiche weitere heimische Produktionen in Berlin vertreten - darunter auch die neue ORF/Netflix-Serie „Freud“ über den jungen Psychoanalytiker.

Zum Auftakt gab es eine ungewöhnliche persönliche Erklärung des Jurypräsidenten: Jeremy Irons sprach sich darin gegen die Unterdrückung von Frauen und der sexuellen Selbstbestimmung aus. Mit seiner Erklärung wolle er frühere Äußerungen klarstellen und hoffe, dass sie nicht vom weiteren Festivalgeschehen ablenkten, sagte der 71-Jährige bei der Vorstellung der Jury am Donnerstag. Zuletzt hatte es Kritik an älteren Aussagen des britischen Schauspielers zum Umgang mit Frauen gegeben.

Er unterstütze die weltweite Bewegung für die Rechte von Frauen und dafür, sie gegen missbräuchliche Belästigungen zuhause und am Arbeitsplatz zu schützen. In vielen Ländern seien heute Menschen in Haft, die sich für solche Rechte einsetzten. Irons („Nachtzug nach Lissabon“) warnte aber davor, politische Maßstäbe bei der Bewertung der Filme durch die Berlinale-Jury anzulegen. „Was zählt, ist die Story und die Arbeit der Schauspieler.“

Zur diesjährigen Berlinale feiern der Italiener Carlo Chatrian und die Niederländerin Mariette Rissenbeek ihre Premiere als neue Festivalleitung. Der frühere Chef des Festivals von Locarno und die Filmmanagerin folgen dem langjährigen Direktor Dieter Kosslick. Erwartet werden in diesem Jahr etwa die Hollywoodstars Johnny Depp und Cate Blanchett, US-Politikerin Hillary Clinton und Oscar-Preisträgerin Helen Mirren.

Auch der brasilianische Regisseur und Jurymitglied Kleber Mendonca Filho schlug politische Töne an: Er halte angesichts der Lage in seinem Land unter Präsident Jair Bolsonaro an seiner Freiheit fest, Filme zu drehen, wie er es für richtig halte. Im vergangenen Jahr hatte er mit seinem Film „Bacurau“ einen der beiden Publikumspreise gewonnen.

Im Moment lägen 600 Projekte für Film und Fernsehen in seinem Land auf Eis, behindert von bürokratischen Hürden, sagte Mendonca Filho. Er dankte dem Berlinale-Präsidenten Chatrian, dass dieser zuvor die kritische Lage des brasilianischen Films angesprochen habe. Zuletzt hatte der rechtspopulistische Präsident Bolsonaro die bisherige Filmförderung in seinem Land kritisiert und sich gegen Filme ausgesprochen, „die nur eine Minderheit interessieren“.

Im Jubiläumsjahr liegt allerdings ein Schatten über der Berlinale-Geschichte. Erst kürzlich wurde die NS-Verstrickung des ersten Festival-Leiters, Alfred Bauer, bekannt, nach dem auch einer der bisherigen Berlinale-Preise benannt war. Sein Fall werde von einer externen Historikergruppe aufgearbeitet, sagte Mariette Rissenbeek. In einigen Monaten werde es eine abschließende Beurteilung geben.


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