Tiroler Kälber werden auch zum Schächten exportiert

Tiroler Rinder werden auch in die Türkei und in den Nahen Osten transportiert und dort rituell ohne Betäubung geschlachtet. Tierschutzvereine fordern das Aus dieser Exporte.

Wie berichtet, hat der Verein gegen Tierfabriken den Transport der Kälber – eines davon aus Tirol – bis in den Libanon dokumentiert. Dort wurden sie ohne Betäubung rituell geschlachtet.
© VGT

Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Im Jahr 2017 wurden aus Tirol 27.721 Rinder ins EU-Ausland und 2636 in Drittstaaten exportiert. Ein Teil der Tiere, die lebend in den Export gehen, sind männliche Kälber, die zur Mast nach Italien oder Spanien gebracht werden. Haben sie das Zielgewicht erreicht, werden sie meist zur Schlachtung in Drittstaaten weitertransportiert. Von Österreich und damit auch Tirol direkt in Drittstaaten gehen dagegen vor allem trächtige Jungtiere, die als Zuchttiere deklariert sind. Wie eine parlamentarische Anfrage der 2017 noch im Nationalrat vertretenen Liste Pilz ans Licht brachte, sind die Hauptdestinationen der österreichischen Lebend-Tiertransporte in Drittstaaten Libyen, gefolgt vom Libanon, der Türkei und Algerien.

Die Spur der Schlachttiere in den Libanon hat nun, wie berichtet, der Verein gegen Tierfabriken (VGT) verfolgt, das Video ihres grausamen Todes – darunter der eines Tiroler Mastkalbs – hat für Erschütterung gesorgt. Aber auch die trächtigen Jungrinder sind „ein lu­krativer Exportmarkt, den die österreichische Landwirtschaftskammer sogar ausbaut. Sie gehen als vermeintliche Zuchttiere in den Export, in Wahrheit werden die Kühe ausgemolken und geschlachtet“, sagt VGT-Sprecherin Ann-Kathrin Freude.

📽️ Video | Hautnah: Tiertransporte von Österreich in den Libanon

Neben den Kälbern gehen Schafe in Drittstaaten, wo sie in den Schlachthäusern geschächtet werden. Erst im Jänner hatten die Tierschutzorganisation Vier Pfoten und ihre rumänische Partnerorganisation Arca 180 Schafe aus einem gekenterten Schiff gerettet. Das Schiff mit 14.000 Schafen an Bord befand sich auf dem Weg nach Saudi-Arabien. Von Tirol gehen laut Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger jährlich 8000 Schafe nach Deutschland und Italien. Ob sie von dort in Drittstaaten weitertransportiert werden, ist nicht bekannt.

„Export muss verboten werden“

In den Schlachthäusern in der Türkei und im Nahen Osten werden die Tiere oft durch Ausstechen der Augen und Durchtrennen der Sehnen ruhig gehalten (wie Reportagevideos zeigen), danach werden sie durch Schächten – rituelles Schlachten von Tieren nach jüdischem oder islamischem Brauch – getötet. „Aufgrund der extremen Leiden der Tiere sind sowohl die Schlachtung ohne jegliche Betäubung als auch der Entblutungsschnitt mit anschließender Betäubung als Tierquälerei zu sehen und aus Tierschutzsicht nicht akzeptabel“, sagt Elisabeth Penz, Pressesprecherin von Vier Pfoten Österreich.

Vier Pfoten und die rumänische Partnerorganisation Arca konnten 180 Schafe retten, als ein Schiff mit 14.000 Tieren im Jänner kenterte.
© Vier Pfoten

Für den Verein gegen Tierfabriken gibt es hier nur eine Lösung zum Wohl der Tiere. „Wir müssen dem Beispiel von Baden-Württemberg folgen, wo der Export in 17 Drittstaaten verboten wurde, weil dort die Tierschutzstandards nicht den unseren entsprechen.“ Den für die Landwirte lukrativen Verkauf aufrechtzuerhalten und auf tierschutzgerechte Lösungen zu hoffen, sei nicht realistisch. „Wir müssten Kontrolleure in die Schlachthäuser schicken und das lässt kein Land zu.“ Außerdem müssten die Transporte völlig neu aufgestellt werden. „Ein Teil wird per Schiff transportiert. Das sind aber normale Frachtschiffe, die nicht ausreichend klimatisiert sind und auch keine geeigneten Wassertränken haben“, so Freude.

© Vier Pfoten

Geht es – meist über Russland – über den Landweg, erfolgt der Transport in Lkw. „Die sind tagelang unterwegs, ohne dass die Tiere jemals abgeladen werden, was eigentlich Vorschrift ist. Und an den EU-Außengrenzen stehen oft zig Transporter, die ebenfalls tagelang auf die Zollabfertigung mit den Tieren an Bord warten“, weiß Freude. Trotz der statistisch belegten Exporte aus Tirol spricht sich Hechenberger dagegen aus: „Es ist unsinnig, Tiere wochenlang lebend zur Schlachtbank zu transportieren. Wir stehen zu unserer moralischen Verpflichtung und einer möglichst schnellen Schlachtung.“

Sozialminister Rudolf Anschober hat, wie berichtet, am 17. März einen „Tierschutz-Gipfel“ angekündigt. „Tierschutz darf nicht an Österreichs Außengrenzen enden. Daher muss das EU-Recht dringend überprüft und reformiert werden. Offenkundig ist, dass auch das Kontrollsystem weiterentwickelt werden muss. Für Österreich werden wir das sehr genau überprüfen“, verspricht Anschober.

„Niemand schert sich um Gesetze“

Seit 1991 berichtet „37 Grad“-Autor Manfred Karremann im ZDF über das Schicksal der Tiere auf Langstreckentransporten. Vor allem dem engagierten Journalisten ist es zu verdanken, dass die EU mehrfach ihre Vorschriften zum Tierschutz verbessert hat.

Der Europäische Gerichtshof hat zwar entschieden, dass das Wohl der Tiere bis zum letzten Zielort sichergestellt sein muss. „Doch niemand kontrolliert die Transporte, niemand schert sich um die Gesetze, wenn die Tiere einmal die EU verlassen haben“, kritisiert Karremann unermüdlich.

In einem Video dokumentiert er den 20-minütigen Todeskampf eines Kalbes an der EU-Außengrenze zur Türkei, zeigt verdurstete Rinder, Zuchtkühe, die auf den Lastwagen gebären und sterben. Nach 3000 Kilometern Transport „ein Ende mit unsäglichem Schrecken“, wie Karremann sagt. In Österreich macht der Verein gegen Tierfabriken ebenfalls seit Jahren auf die Tierqualen bei den Transporten, bei Mast und Schlachtung aufmerksam. (wa)


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