Teiltauglichkeit ist beschlossen: Ab 1. Jänner müssen mehr antreten

Der Anteil der Untauglichen ist in Österreich gestiegen und liegt bei knapp 10.000 jungen Männern im Jahr. Aus dieser Gruppe will das Heer ab 1. Jänner Teiltaugliche herausfischen. Für den Zivildienst und das Militär.

Besonders viele Taugliche des Jahrgangs 1998 gab es in Vorarlberg mit 80 Prozent, am wenigsten in Wien und Kärnten mit rund 72 Prozent, Tirol liegt bei 76,7 Prozent.
© Zangerl

Von Anita Heubacher

Innsbruck – Beim Militärkommando Tirol wechselt gerade die Führungsspitze. Der Imster Ingo Gstrein löst Herbert Bauer als Militärkommandant ab.

Auch bei den Rekruten soll sich einiges ändern. Ab 1. Jänner werden die neuen, überarbeiteten Tauglichkeitsstufen greifen. Sinn und Zweck der Übung: mehr junge Männer für das Militär, aber auch für den Zivildienst zu rekrutieren. Denn die Burschen sind in den letzten Jahren weniger geworden. Es wurden schlicht und ergreifend weniger Kinder geboren. Waren es 2006 noch 47.407 Stellungspflichtige, sind es 2015 nur noch 41.000, die zur Musterung kommen. 25 bis 30 Prozent davon sind untauglich.

Deren Anteil ist gestiegen. 9- bis 10.000 junge Männer werden pro Jahr nach der Musterung wieder nach Hause geschickt. Unter 1,50 Meter, zu dick, kurzsichtig, zuckerkrank – Gründe für eine Untauglichkeit gab es bis dato genug. „Nun wird man prüfen, ob ein Kochlehrling, der untauglich ist, nicht sechs Monate bei uns in der Küche helfen kann, damit einer, der tauglich ist, tatsächlich die Gebirgsjägerausbildung machen kann“, erklärt Ministeriumssprecher Michael Bauer. Seine Chefin, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, lässt eine Arbeitsgruppe die Tauglichkeitsstufen von null bis neun unter die Lupe nehmen. Die Zeit des Grundwehrdienstes solle als etwas Sinnstiftendes erfahren werden, sagte die Ministerin im ORF-Studio. So könnten etwa Fremdsprachen- oder IT-Kenntnisse oder handwerkliche Fähigkeiten erworben werden. Vom Grundwehrdienst ausgenommen sollen laut Regierungsprogramm nur junge Männer mit einer „körperlichen oder geistigen Behinderung“ sein.

„In der Heeresküche muss jemand keine 1000 Liegestütz machen können, als Gebirgsjäger aber schon", sagt Michael Bauer (Sprecher Verteidigungsministerium).
© BH/Minich

Bauer verweist auf sein Balkendiagramm. Daraus liest das Heer, dass es regionale Unterschiede bei der Wehrbereitschaft gibt. In Kärnten und im Burgenland ist sie besonders hoch, in Vorarlberg und in Wien ist der Anteil der Zivildiener am höchsten. „Wenn 30 Prozent der jungen Männer untauglich sind, ist das nicht ein Problem des Heeres, sondern ein gesellschaftliches Problem“, meint Bauer. Der Anteil der Fettleibigen habe ebenso zugenommen wie jener der Kurzsichtigen. „Das hat massive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Zuletzt hatten wir einen jungen Mann bei der Stellungskommission mit 150 Kilogramm.“ Oftmals sei es die Stellungskommission, wo Fehlentwicklungen festgestellt würden. In ein bis zwei Prozent der Fälle würden sogar lebensbedrohliche Krankheiten aufgezeigt.

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahres-Vignetten gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Warum es zu regionalen Unterschieden kommt, hat das Herr nicht erforscht. In Tirol stellten sich beim Jahrgang 1998 exakt 76,7 Prozent der jungen Burschen als tauglich heraus. Davon entschieden sich 42,7 Prozent für den Zivildienst. Werden nun aus dem Pool der Untauglichen zusätzliche 18-Jährige herausgefischt, nützt das natürlich auch den Hilfsorganisationen, die auf den Zivildienst angewiesen sind (siehe Artikel unten). Die Tendenz zum Zivildienst ist im Laufe der Jahre um ein Prozent und damit leicht gestiegen. Bis zum Sommer soll die Arbeitsgruppe Ergebnisse vorlegen, was künftig unter Teiltauglichkeit fällt. Ziemlich viel, lautet die Prognose und wirklich wenige werden als untauglich gelten und gar nicht zum Handkuss kommen.

Zahl der Stellungspflichtigen beim Bundesheer nach Geburtsjahrgängen 1982 und 2000, davon untauglich, übergewichtig und Raucher.
© APA

Völlig unbeschwert können Mädchen die Neuerungen und Umgestaltungen beim Heer mitverfolgen. Es ist nicht daran gedacht, Mädchen zur Stellungskommission zu schicken und sie für das Heer oder den Zivildienst verpflichtend heranzuziehen. „Das ist nicht Teil des Regierungsprogrammes“, erklärt Bauer.

Er ist zuversichtlich, dass für die Teiltauglichen sowohl beim Heer als auch beim Zivildienst sinnvolle Tätigkeiten gefunden werden können. „In der Heeresküche muss jemand keine 1000 Liegestütz machen können, als Gebirgsjäger aber schon.“ Bauer verweist auf die derzeit gültigen Tauglichkeitsstufen. Uneingeschränkt tauglich sind demnach alle von Stufe 5 bis Stufe 9. Von 2 bis 4 gilt man als eingeschränkt tauglich. Der Militärarzt stellt beispielsweise Einschränkungen beim Heben, Tragen, Laufen oder bei Marschweiten fest. Stufe 1 ist vorübergehend untauglich, wenn jemand beispielsweise einen Gips trägt. Nur wer in Stufe 0 landet, ist untauglich. Das dürfte auch nach dem 1. Jänner 2021 so bleiben.

Rettung bräuchte zehn Prozent mehr Zivildiener

„Ohne Zivildiener und ehrenamtliche Helfer könnten wir unseren Dienst nicht aufrechterhalten“, sagt Thomas Wegmayr. Er ist der Geschäftsleiter des Landesverbandes des Roten Kreuzes in Tirol. 530 junge Männer machen pro Jahr ihren Zivildienst bei der Rettung, beim Katastrophen- oder Blutspendedienst. 400 Zivildiener sind zeitgleich im Einsatz. Es könnten mehr sein. „Damit erreichen wir eine Bedarfsabdeckung von 90 Prozent.“ 30 bis 40 Zivildiener fehlen derzeit. 650 Angestellte hat das Rote Kreuz. Nicht alle sind im Rettungseinsatz. Ein Angestellter, ein Zivildiener pro Auto – so wird gerechnet.

Auch das Rote Kreuz hofft auf den Pool der neuen Teiltauglichen. „Auch wenn wir die teiltauglichen Männer nicht in der Notfallrettung einsetzen können, bei der Jugend- oder Flüchtlingsbetreuung geht es vielleicht schon.“

Bei den verschiedenen Einrückterminen melden sich immer weniger Zivildiener, als benötigt würden. Im März würden 14 fehlen, im Mai 30. „Wenn der Pool größer wird, werden wir Möglichkeiten finden, die Leute sinnvoll einzusetzen“, sagt Wegmayr. Sieben Einrücktermine gibt es pro Jahr. Der Anteil der Zivildiener ist mit 42,7 Prozent geringer als in anderen Bundesländern. Spitzenreiter ist Wien. Dort melden sich 55,4 Prozent der Tauglichen zum Zivildienst.

In Tirol melden sich seit drei Jahren verstärkt junge Mädchen zum freiwilligen sozialen Jahr. „Die jungen Frauen kompensieren die Lücke bei den männlichen Zivildienern etwas“, erzählt Wegmayr. Die Lücke werde ab 1. Jänner kleiner werden, glaubt er. (aheu)


Kommentieren


Schlagworte