Im Anfang war der Satz

Peter-André Alt hat herausragende Romananfänge untersucht – und macht mit „Jemand musst Josef K. verleumdet haben“ Lust aufs Weiter- und Wiederlesen.

Nobelpreisträger Günter Grass hatte ein Händchen fürs Anfangen: Der erste Satz seines Romans „Der Butt“ (1981) wurde 2007 zum schönsten Romananfang der deutschen Literatur gewählt.
© imago

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Mancher Anfang fand sich erst am Ende. „Ich bin nicht Stiller“ zum Beispiel. Der berühmte erste Satz von Max Frischs Roman „Stiller“ (1954). Den hat Frisch erst knapp vor der Drucklegung auf einer Korrekturfahne handschriftlich eingefügt. Zu einem Zeitpunkt also, als für den Autor das Ringen mit dem, wovon er erzählen wollte, bereits vorbei war. Frisch wusste, worauf seine Geschichte hinauslaufen wird – und packte den ersten Hinweis darauf selbstbewusst in den ersten Satz.

In seinem neuen Buch „Jemand musste Josef K. verleumdet haben“ erzählt Peter-André Alt die Geschichten hinter kanonischen Romananfängen, sucht und findet Gemeinsames und untersucht herausragende Ausreißer. Erste Sätze, so viel ist klar, wollen nicht nur etablieren, sondern verführen. Sie sind dann am besten, erfährt man etwa von Martin Walser, wenn sie tatsächlich von einem Anfang erzählen. Von einer Ankunft zum Beispiel. Oder dem Anfang einer Reise. Also einem Abschied – und somit dem Ende von etwas anderem.

Ganz pragmatisch gesprochen soll jeder Anfang – egal, ob nun ein hochliterarischer Entwurf verfolgt wird oder der Text auf schnellen Spaß getrimmt ist – Leselust befeuern. Erste Sätze wollen überwältigen, mitreißen, überraschen. Manche freilich führen auf falsche Fährten. Es soll Romane geben, deren erstem Satz kein folgender gerecht wird, und Meisterwerke – etwa manch große realistische Romane des 19. Jahrhunderts –, die erst nach zögerlichen ersten Zeilen richtig Fahrt aufnehmen. Andere, etwa der Anfang von Kafkas „Der Prozess“, der Alts Überlegungen den Titel gab, sind quasi eine Geschichte für sich, ein kleiner Roman im Roman: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Mitunter stellt der erste Satz auch klar, dass dem, der da erzählt, nicht zu trauen ist: Das ist beim eingangs erwähnten „Stiller“, der partout nicht Stiller sein will, so. Und bei Humbert Humberts obsessive Ode auf Lolita, in Vladimir Nabokovs gleichnamigem ebenso berühmten wie berüchtigten Roman. Oder in Günter Grass’ „Blechtrommel“: „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt.“ Gerade Geständnisse, das führt Peter-André Alt anschaulich vor Augen, sollten Leserinnen und Leser misstrauisch machen.

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Grass hatte sowieso ein Händchen fürs Anfangen: „Ilsebill salzte nach“, der Startschuss von „Der Butt“ wurde 2007 zum schönsten ersten Satz der deutschsprachigen Literatur gewählt. Weit verquerer, aber letztlich nicht weniger treffend: „Gestern wird sein, was morgen gewesen ist“ – der Auftakt zur Erzählung „Treffen in Telgte“: Da verrutschen die Zeiten und fließen ineinander, Zeitloses kündigt sich an.

Alt hat tolle Anfänge zusammengetragen – 249 sind es insgesamt: von antiken Epikern über weltliterarische Schwergewichte wie Tolstoi, Dostojewski oder Herman Melvilles „Nennt mich Ismael“ aus „Moby Dick“ bis zu modernen Ironikern und Erzählskeptikern, die am Anfang über die Schwierigkeiten des Anfangens sinnieren – Uwe Johnson in „Das dritte Buch Achim“ zum Beispiel oder Italo Calvino. Der hat mit „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ Ende der 1970er-Jahre einen Roman aus lauter (fiktiven) Romananfängen gebastelt. Peter-André Alt liefert nun mehr als vier Jahrzehnte später die Studie dazu. Und wie bei der Calvino-Lektüre würde man alle Anfänge, die der für seine Arbeiten über Schiller, Kafka und zuletzt Sigmund Freud zu Recht viel gepriesene Germanist kundig verkontextualisiert, am liebsten gleich zu Ende lesen. Im Gegensatz zu Calvino allerdings muss man sich die Bücher dafür nicht herbeiträumen. Es reicht, eine einigermaßen gut sortierte Buchhandlung oder Bibliothek aufzusuchen.

Essay Peter-André Alt: Jemand musste Josef K. verleumdet haben. Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten. C. H. Beck, 262 S., 27,80 Euro.


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