Bruno Kreisky für die Generation Mausklick

Über den legendären Kanzler gibt es bereits laufmeterweise Bücher. Eine Neuerscheinung lädt vor allem junge Menschen auf eine Zeitreise ein.

Bruno Kreisky (r.) mit dem späteren Bundespräsidenten Heinz Fischer auf Wahlkampfreise im Jahr 1970.
© APA

Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Vor neun Jahren beging die Republik das Kreisky-Jahr: Der ehemalige SPÖ-Bundeskanzler wäre am 22. Jänner 2011 100 Jahre alt geworden. Zahlreiche Projekte erinnerten an den legendären Politiker, der 1990 verstarb. An Büchern über den zum Mythos gewordenen „Sonnenkönig“ mangelt es nicht. Trotzdem legt der Autor und Journalist Christoph Kotanko (profil, Kurier, jetzt Oberösterreichische Nachrichten) nun noch ein lesenswertes Werk drauf: Zum 50. Jahrestag der Kanzlerschaft erscheint sein Buch „Kult-Kanzler Kreisky – Mensch und Mythos“ (Verlag Ueberreuter, 196 Seiten, 22,95 Euro). Kotanko war 16 Jahre alt, als Kreisky Kanzler wurde und erlebte ihn noch selbst als Journalist.

Aufschlussreiche Zeitreise

Heutige 16-Jährige denken als Erstes wohl eher an die nach ihm benannte Indie-Band – falls diese nicht auch schon außerhalb der Wahrnehmung dieser Altersgruppe ist. Das war mit ein Grund für den erfahrenen Publizisten, sich Kreisky anzunähern, im Sinne der „Mausklick-Generation“, wie Kotanko sagt: „Bei Vorträgen, Moderationen, Diskussionen ist mir aufgefallen, wie gering das Wissen junger Leute über die Nachkriegszeit ist. Kreisky ragt aus dem 20. Jahrhundert in unsere Zeit herüber. Daher habe ich dieses Buch geschrieben.“ Es sei als Einladung zu sehen, Kreisky zu entdecken.

Innenpolitik-Experte Christoph Kotanko.

Und es ist tatsächlich eine höchst aufschlussreiche Zeitreise, auf die Kotanko seine Leser mitnimmt: Die 70er-Jahre fühlen sich in der Rückschau auch für mittelalte Semester steinzeitlich an. Der Einfluss der katholischen Kirche etwa war noch sehr groß. „Man muss sich vorstellen: Als Bruno Kreisky 1970 zum Wahlkämpfen nach Tirol fuhr, wurde dort von der Kanzel hinuntergepredigt, dass man zu der Veranstaltung des Sozialisten nicht hingehen dürfe“, erinnert Ko- tanko. Als Kreisky Kanzler wurde, brauchten Frauen das Einverständnis ihres Mannes, um arbeiten gehen zu dürfen. Die Fristenlösung war noch nicht eingeführt.

Kotanko hat für das Buch auch mit Weggefährten Kreiskys gesprochen: mit seiner persönlichen Sekretärin Margit Schmidt z. B., aber auch mit Ernst Braun. Er kam als Maler und Anstreicher ins Bundeskanzleramt, fiel Kreisky auf und wurde zum unverzichtbaren Faktotum in der Hausverwaltung.

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Heute sitzt Sebastian Kurz (ÖVP) im Kreisky-Zimmer im Kanzleramt, und zwar ganz bewusst, nachdem der holzvertäfelte Raum jahrelang ungenutzt geblieben war. Zwischen den beiden Ausnahmepolitikern gibt es zwar Parallelen auch, doch diese seien überschaubar, findet Kotanko. Schon allein deshalb, weil Kreisky (Jus) fertig studiert und einen Beruf erlernt habe. Dass seine Reformen bis heute nachwirken, ist in der Geschichtsschreibung ebenfalls schon unbestritten.


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