Fremdkörper im kalten Herzen der Serenissima am Burgtheater

Ein plakatives Shakespeare-Doppel am Burgtheater: „Othello“ plus „Der Kaufmann von Venedig“ ist gleich „This is Venice“.

Das Burgtheater-Ensemble rund um Norman Hacker (Jago, l.) inmitten eines Karnevals der besonderen Art.
© Burgtheater, Horn

Von Bernadette Lietzow

Wien –Der Fasching neigt sich dem Ende zu, der Opernball ist geschlagen und am Burgtheater lässt sich seit der samstäglichen Premiere ein sehr eigentümlicher „Karneval in Venedig“ im Zeichen William Shakespeares erleben.

Intrigenspiel am Rialto: Rainer Galke (Doge, vorne) und Mehmet Atesçi (Bassanio) verbünden sich gegen den Juden Shylock.
© Burgtheater, Horn

Die in Zürich lehrende Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen und die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner zerlegten dafür dessen (zum Teil) in der Lagunenstadt angesiedelte Werke „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“, um aus den Bestandteilen neue und doch so erschreckend alte Fragestellungen unter der Prämisse „This is Venice“ in Position zu bringen. Sie fokussieren auf die Außenseiterrolle, die sowohl der erfolgreiche schwarze Feldherr Othello als auch der reiche Jude Shylock innehaben – die Konstruktion des „Fremden“ ist der Gesellschaftskitt. „Venedig wird als ein System verstanden, das Fremde braucht, um sich am Leben zu erhalten (…). In den inneren Kern der Macht darf weder eine jüdische noch eine schwarze Figur gehören“, so Bronfen in einem Interview. Zudem verschränkt sie die Frauenbilder, Othellos Desdemona, deren Vertraute Emilia, Shylocks Tochter Jessica oder Portia, und erweitert die Annahme um die Frage nach der Funktion von weiblicher Macht und Ohnmacht in patriarchalischen Systemen. Vom Seminar auf die Bühne, wo es erst einmal ganz heftig funkelt und die ellenlangen Lametta-Streifen dreieinhalb Stunden ihren glamourösen Auftritt haben.

Unter Sebastian Nüblings Regie versammelt sich das große wie großartige Ensemble zu einem wohl als Shakes­peare-Hochamt angelegten, in der textlichen wie szenischen Umsetzung jedoch äußerst diffusen und letztendlich plakativen Versuch einer „Neu-Interpretation“. In Pascale Martins gelungenen Kostümen – schwarzer Tüll für die venezianische Nomenklatura, mehr oder weniger formeller Anzug für die „Fremden“, gelegentlich Glitzer für die Frauenfiguren – glücken Roland Koch (Othello), Itay Tiran (Shylock), Markus Hering (Brabantio), Norman Hacker (Jago), Rainer Galke (Doge) oder Dietmar König (Roderigo/Antonio) vor allem vor der Pause immer wieder packende Szenen. Die jedoch, wie bei ihren Mitstreiterinnen Marie-Luise Stockinger (Desdemona), Maresi Riegner (Jessica), Stacyian Jackson (Portia) oder Sylvie Rohrer (Emilia), eher deren Können als einem wirkmächtigen Konzept geschuldet sind. Abseits des je nach Lichteinfall changierenden Streifenvorhangs bleibt die Bühne leer, umso aufmerksamer verfolgt man die Bewegungen – Laufen, Schwingen, Zucken, Wippen –, die die österreichische Choreografin Christine Gaigg den Darstellern zugeeignet hat. Neben den schauspielerischen Leistungen eindeutig ein weiterer Lichtblick an einem Theaterabend, nach dem sich, bei aller Lust auf und Bereitschaft für neue Herangehensweisen, Sehnsucht nach inhaltsschwerem klassischem Schauspiel breitmacht. Hmmm.

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